Berlin : Netzwerk Recherche

Immer mehr Patienten nutzen das Internet, um sich über ihre Krankheit und Therapien zu informieren. Viele Ärzte sind nicht begeistert. Ihr Argument: Gute, unabhängige Information sei selten

Marc Neller

Frau Holbrechts (Name geändert) Knorpel in der Hüfte sind verschlissen. Sie wird ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen. Gleich drei Orthopäden haben ihr dazu geraten. Frau Holbrecht vertraue ihnen, sagt sie, aber sie sei ein ängstlicher Mensch. Also hat sie ihren Sohn gebeten, ihr noch ein paar Informationen aus dem Internet auszudrucken. Zur Sicherheit.

Einen Tag später brachte der Sohn einen fast backsteindicken Stapel Papier. Frau Holbrecht las ein paar Seiten, dann legte sie den Stapel beiseite. Sie verstand das Fach-Kauderwelsch nicht, in dem die Texte geschrieben waren.

Das kann passieren, wenn man sich im Internet zum Beispiel darüber informieren will, was eine bevorstehende Operation bedeutet oder welche anderen Therapiemöglichkeiten es gibt. Denn vermutlich versuchen es die meisten Patienten auf die gleiche Weise wie Frau Frau Holbrechts Sohn: Sie geben in eine Suchmaschine Schlagworte wie „Künstliches Kniegelenk“ oder „Krebs“ ein und erhält eine Liste mit zehntausenden Treffern.

Zwar ist der „aufgeklärte Patient“ ein Schlagwort, das regelmäßig als Diskussionsthema auf medizinischen Fachkongressen auftaucht. Doch ob das Internet dazu beiträgt, dass Patienten tatsächlich brauchbare Informationen erhalten, ist umstritten. Denn für einen Laien ist kaum zu trennen, ob eine Therapie- oder Medikamenten-Empfehlung, auf die er im Netz stößt, sachlich begründet ist oder doch eher Produktwerbung, die freilich im Deckmantel redaktionell-fachlicher Beiträge daherkommt.

„Es ist für einen Patienten schwierig, im Internet Information zu bekommen, die medizinisch seriös ist – und verständlich“, sagt Christian Geiger. Er ist Chefarzt der Abteilung Chirurgie im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding. Insgesamt sei er eher skeptisch, dass die Recherche im Internet den Patienten einen wirklichen Erkenntisgewinn brächte. „Alle, die Informationen ins Netz stellen, haben etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Also verfolgen alle ein bestimmtes Interesse.“ Unabhängige und kritische Information sei kaum zu bekommen.

Mit dieser Meinung steht Geiger nicht alleine da, viele Kollegen sehen es ähnlich. „Gerade jüngere Patienten, die sich im Internet informieren, sind oft für eine Beratung überhaupt nicht mehr zu gänglich. Manche sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“, sagt Jochen Schulze Buschoff, Facharzt für Gefäßmedizin in den St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte. Einen positiven Aspekt kann Schulze Buschoff dem ständig wachsenden Informations-Angebot im Internet aber doch abgewinnen. Dass sich Patienten die Mühe machten sich zu informieren, sei ein wichtiger Hinweis für Ärzte: „Das bedeutet doch auch, dass wir uns genügend Zeit nehmen sollten, um eine Therapie oder eine Operation und deren Sinn wirklich gut zu erklären. Vielleicht muss man auch mehrmals im Gespräch fragen: Haben Sie das verstanden?“ Das Internet, so glaubt Schulze Buschoff, werde das Gespräch mit einem Arzt nicht ersetzen können.

Das glaubt auch Silke Haffner nicht. Haffner verantwortet als Geschäftsführerin das Medizin-Informationsportal „Netdoktor.de“. Einen Arzt zu ersetzen sei auch nicht der Anspruch. „Wir wollen, dass sich Menschen auf unseren Seiten informieren können und dass sie fachlich fundiertes Wissen zur Verfügung gestellt bekommen.“ Alle Artikel über Krankheiten und Medikamente seien von Medizinern oder geschrieben.

Eine achtköpfige Redaktion prüft, ob die Text auch für einen Laien verständlich sind, bevor sie ins Netz gestellt werden. Netdoktor finanziert sich nach eigenen Angaben zu einem Teil über Werbeanzeigen, vor allem durch Dienstleistungen. „Wir erstellen Portale und Themenseiten für Krankenkassen“, sagt Haffner.

Sachkompetenz, Informationen, die zudem verständlich aufbereitet sind und inhaltliche Unabhängigkeit: Würden die die Suchmaschinen das Netz nicht nur nach Schlagwörter durchforsten, sondern auch nach Qualitätskriterien – die Trefferlisten wären sehr übersichtlich. Denn diese Kombination ist selten.

Ein positives Beispiel ist der Internet- Auftritt der Deutschen Krebsgesellschaft. Übersichtlich und gehaltvoll, mit Informationen zu diversen Krebsarten und dazu sprachlich so aufbereitet, dass auch ein Laie verstehen kann. Wenn man den Aufbau verstanden hat, kann man dort hilfreiche Informationen bekommen. Zum Beispiel erfährt man dort auch, wo es in der näheren Umgebung zertifizierte Zentren für die Behandlung von Brustkrebs gibt.

Und dennoch, sagt ein Facharzt. „Völlige Unabhängigkeit gibt es nicht.“

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