Neue Benefiz-Kalender 2015 aus Berlin : Ein guter Aufhänger

Blatt für Blatt Benefiz: In Berlin geben Firmen und Vereine neue kunstvolle oder witzige Kalender für den guten Zweck heraus. Und unterstützen damit Ärzte ohne Grenzen, Obdachlose, Kiezmütter oder geistig behinderte Menschen.

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Flucht im Schnee. Ausschnitt des Gemäldes "Escape" von Elena Tamburini. Die 22-jährige Künstlerin ist Meisterschülerin der Berliner Hochschule der Künste (HdK). Das Bild gehört zum Kunstkalender 2015 der Alt-Mariendorfer Druckerei "Ruksaldruck".
Flucht im Schnee. Ausschnitt des Gemäldes "Escape" von Elena Tamburini. Die 22-jährige Künstlerin ist Meisterschülerin der...Repro: Tagesspiegel

Die Kinder stapfen durch tiefen Schnee. Ein Mädchen und ein Junge, vielleicht sechs und acht Jahre alt. Sie sind viel zu leicht bekleidet für diesen düsteren Wintertag. Schwarz und kahl ragen hinter dem Pärchen die Bäume in den Himmel. Die beiden sind auf der Flucht, aber es gibt Hoffnung: Sie laufen wie im Scheinwerferkegel. Um sie herum glitzert Licht auf dem Schnee, bringt ihre Haare zum Leuchten. „Escape“ nennt die 22-jährige Künstlerin Elena Tamburini, Meisterschülerin an der Berliner Hochschule der Künste (HdK), ihr Ölbild. An der Lankwitzer Straße in Alt-Mariendorf wird es gerade für einen guten Zweck vervielfältigt. Offsetmaschinen drucken gleich mehrere Werke der Malerin sowie Gemälde der Künstler Johannes Heisig und Joachim Gerschler.

Kunstbegeistert. Werner Schmidt und Stefan Greinert, Geschäftsführer von Ruksaldruck, mit Motiven ihres neuen Kalenders 2015
Kunstbegeistert. Werner Schmidt und Stefan Greinert, Geschäftsführer von Ruksaldruck, mit Motiven ihres neuen Kalenders 2015Foto: Georg Moritz

Ab Freitag kann man zwölf Bilder des Trios als Benefiz-Galerie zugunsten von „Ärzte ohne Grenzen“ im Kunstkalender 2015 der Alt-Mariendorfer Firma „Ruksaldruck“ betrachten. In Berlin wurden in den vergangenen Tagen gleich mehrere solcher ungewöhnlichen Wohltätigkeits-Kalender fürs neue Jahr präsentiert. Frü den Ambulanten Pflegedienst Jahnke in Moabit setzte Modefotografin Esther Haase ältere, teils schwerkranke Patienten kunstvoll in Szene. Sie wurden geschminkt, kostümiert und stellen auf den Bildern des Kalenders mit dem Namen „SeniorStars“ nun Bühnengrößen dar wie Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Madonna, David Bowie oder Amy Winehouse. Seit 1994 bringt die Pflegestation diesen Kultkalender heraus, jeweils auch mit Hilfe eines echten Stars – für 2015 war das Sängerin Nena. Der Erlös geht an die „Moabiter Kiezmütter“.

Diva. Marlene Dietrich, dargestellt von einer Patientin des Moabiter Pflegedienstes Jahnke für den Benefiz-Kalender „SeniorStars“. Berlins Modefotografin Esther Haase setzt für dieses Projekt des Pflegedienstes alljährlich ältere, meist schwerkranke Menschen in Pose. Dabei schlüpfen diese in die Rolle von Stars und leben dabei oft richtig auf. Foto: Esther Haase
Diva. Marlene Dietrich, dargestellt von einer Patientin des Moabiter Pflegedienstes Jahnke für den Benefiz-Kalender „SeniorStars“....Foto: Esther Haase

Eine originelle Idee beschert Aufmerksamkeit. Das sagte sich auch die Berliner Stadtmission und ludt wie berichtet Prominente zum Tangotänzchen mit Obdachlosen ein. Jedes Paar wurde für den Kältehilfekalender abgelichten. Da sieht man den Regierenden Klaus Wowereit gut im Takt mit einer Partnerin am Brandenburger Tor. Die ältere Frau hat lange Zeit draußen geschlafen, bevor sie jetzt endlich wieder eine Wohnung bekam. Da wiegt sich die Schauspielerin Ursela Monn mit einem schnauzbärtigen Obdachlosen unter der Siegessäule. Auch Schauspielerin Eva Hassmann war mit im Takt. Die Lebenshilfe gibt schon lange Kalender heraus, die betreuten geistig Behinderten und deren Angehörige freuen sich über den Kalender für 2015 mit dem Titel „Seh-Weisen“. Menschen, die in Heimen oder Werkstätten betreut werden oder arbeiten, haben dafür Bilder gemalt.

Ärzte ohne Grenzen geben Tipps für Benefiz-Aktionen

Benefiz – darin stecken die lateinischen Worte „bene“ (gut) und „facere“ (machen). Wohltätigkeitskonzerte, Signierstunden, Sportevents, Benefiz-Grußkarten: Die Kunst des Helfens hat viele Gesichter. Seit die öffentliche Hand heftig sparen muss, hat die Zahl solcher Spendenprojekte zugenommen. Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ bestätigen das und geben auf ihren Websites sogar Tipps, wie sich Benefiz-Aktionen am besten verwirklichen lassen. „Ruksaldruck“ in Alt-Mariendorf hat diese Anregung aufgegriffen. Denn für „Ärzte ohne Grenzen“ ist derzeit Hilfe besonders wichtig. Die Hilfsorganisation kämpft in Westafrika gegen die Ebola-Epidemie, war während des Gaza-Krieges vor Ort in Kliniken im Einsatz. Die ehrenamtlich tätigen Mediziner nehmen aber keine Spenden von der Rüstungs-, Tabak- und Alkoholindustrie an.

Posaunenkonzert. Das Titelblatt des neuen Kalenders "Seh-Weisen" der Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen.
Posaunenkonzert. Das Titelblatt des neuen Kalenders "Seh-Weisen" der Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen.Repro: Tagesspiegel

Aus Sicht der Firma „Ruksaldruck“ eignen sich künstlerische Werke heute besser denn je für Charity-Vorhaben. „Im schneller werdenden Takt der Veränderungen und einer steigenden Vernetzung sorgt die Kunst für Momente des In-Sich-Gehens“, begründen die Geschäftsführer Werner Schmidt und Stefan Greinert ihre Initiative. Nun legen sie bereits den 34. Ruksaldruck-Kalender vor – aber den ersten, der nicht verschenkt, sondern zugunsten Ärzte ohne Grenzen verkauft wird. Die Idee dazu hatte der früherer Chef der Firma, Giselher Ruks. Er wollte auch das enge Zusammenspiel von Kunst und Druckhandwerk herausstellen, beschäftigte sich leidenschaftlich mit der Kunstszene. Diese Tradition setzen seine Nachfolger fort. Sie besuchen Galerien, halten Kontakt mit Kunstschaffenden.

Rund 140 Künstler hat "Ruksaldruck" schon in Kalendern vorgestellt

Werke von mehr als 140 Künstler hat die Druckerei in ihren Kalendern schon vorgestellt. Darunter sind bekannte Berliner Namen wie Matthias Koeppel, Kurt Mühlenhaupt, Christopher Lehmpfuhl oder André Krigar. Auch die drei Künstler des neuen Kalenders arbeitet überwiegend in Berlin: Die Schweizerin Elena Tamburini studiert noch an der Hochschule der Künste, der 71-jährige Restaurator und Maler Joachim Gerschler setzt sich auf großformatigen abstrakten Gemälden mit Farben und Formen auseinander. Und Johannes Heisig, Jahrgang 1953, schafft in seinem Neuköllner Atelier expressive Stadtbilder. Im Kalender auch zum Tag des Mauerfalls. Da stürmen Berliner auf Leitern die Mauerkrone – im diffusen, geheimnisvollen Abendlicht.

Hier gibt es die genannten Kalender: Ruksaldruck, Tel.: 700070, www.ruksaldruck.de, es gibt 100 Kalender, je zum Benefiz-Preis von 39 Euro erhältlich; Pflegedienst Jahnke, Tel.: 3947272, www.jahnkepflege.de, 30 Euro; Lebenshilfe-Kalender, 13,90 Euro über vertrieb@lebenshilfe.de oder Fax 06421-491-623; Berliner Stadtmission, Tel. 690333, www.berliner-stadtmission.de, 24,95 Euro, ab Dezember erhältlich.

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