Berlin : Neue Berlin-Krimireihe: In Mimis Bett wird es wieder spannend

Deike Diening

Die Mimi, Sie wissen schon, ging ohne Krimi nie ins Bett. In den vergangenen Jahren musste sie allerdings auf auswärtige Bettgenossen ausweichen, englische Adlige vorzugsweise. Jetzt kann sie sich auch wieder in der Nachbarschaft umschauen: der be.bra Verlag verlegt eine neue Reihe Berlin-Krimis. Nach der Berliner Luft und der Berliner Schnauze kommt nämlich jetzt der Berliner Krimi. Nach der Haupstadt der Meinung und der Mode soll Berlin nach dem Willen von Verleger Ulrich Hopp jetzt auch noch Hauptstadt des feinen Grauens und des raffinierten Schreckens werden.

Jochen Senf ermittelt sonst im "Tatort" und erzählt zum Geleit ein bisschen Unsinn. Dass es in Deutschland weder eine kontinuierliche Krimitradition noch eine Komödientradition gebe, liege am Pädagogikkonzept der Deutschen, die ein abweichendes Verhalten von der Norm immer noch verurteilten. Das Erzählen von Verbrechen sei normabweichendes Verhalten. Die Deutschen würden folglich schon lange dazu erzogen, keine Krimis zu schreiben.

Bernhard Thieme und Mani Beckmann sind als erste Autoren angetreten, mit toten Berlinern die lebenden zu erfreuen. Sie sitzen in der Hörsaalruine der Charité, die einzigen Spuren am Ort sind die der Zeit. Beide Autoren haben den Tod im Titel: "Ein Toter zuviel" und "Tödliche Vergangenheit", und ihre vorgelesenen Schlüsselstellen sind jeweils die Entdeckung der Leiche.

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

Bernhard Thieme liest leise raunend, das passt gut. Es geht um zwei in Umzugskisten aufgefundene Abgeordnete, tot natürlich, und einen Ermittler Strothmann, der deswegen aus dem Schlaf gerissen wird. Thieme bedient sich zu seiner Beschreibung aus dem erprobten Arsenal des Krimigenres. Das Personal ist bärbeißig und verwechselt dies mit Lässigkeit. Der Plot schmiert auf einer gleitfähigen Mischung aus schlechter Laune und einem Schluck Alkohol voran. Raubeinigkeit garantiert Distanz zum Verbrecher, Handbewegungen sind manchmal "wegwerfend". Männer tragen seitenlang nur Nachnamen, Frauen werden mit "Frau" kenntlich gemacht und der Ton ist trocken, wie von einem Amerikaner hingerotzt. Thieme, sonst Lektor, sagt hinterher, es sei ein hartes Stück Arbeit gewesen, sein erstes Stück Fiktion zu verfassen und er stehe auch dem Genre der Satire nahe.

Oh Amerika! Mani Beckmanns "Tödliche Vergangenheit" beginnt gleich ganz in Los Angeles. Es geht um einen toten Schriftsteller, der war, bevor er starb "heruntergekommen", das Motel ist "anrüchig", und trotzdem, so werde jeder sehen, führten die Fäden nach Berlin. Beckmann sagt hinterher, ihn interessieren die Brüche in seinen Figuren, Thieme eher die Auseinandersetzung mit Berlin.

Ulrich Hopp lässt wissen, er würde schon nach ein paar Seiten Leseprobe erkennen, ob ein Manuskript zum Buch taugt. Einzige Vorgabe für die Reihe sei, dass die Handlung auch in Berlin spiele, und die Autoren in irgendeiner Weise mit Berlin verwachsen seien. Wie er sie denn jetzt einschätze, diese beiden Stücke, fragt der Verleger den Tatort-Kommissar Senf nach dem Vorlesen. Der zieht die Augenbrauen nach oben und sagt, "ja also, die Stücke waren eigentlich zu kurz, um etwas Dezidiertes zu sagen". Er habe sich aber doch entschieden, die beiden Bücher noch zu lesen. Dabei sitzt er die ganze Zeit so verschmitzt da, als würde er bald selber einen Krimi schreiben. Das stände ihm gut. Rotwein trinkt er ja auch schon.

Einen Raum weiter, vorbei an Sauerbruchs Operationsstuhl, da, wo es etwas aseptisch riecht, stehen Virchows eingelegte Formalinföten: Missgeburten und Janusköpfe. Und wir alle schlendern so gelassen an ihnen vorbei, als wären wir ermittelnde Gerichtsmediziner und trügen dazu Trenchcoat.

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