Neue Bibliothek im Afrikanischen Viertel : Weddinger Heimat für afrikanische Literatur

19 Jahre nach ihrem Tod erfüllt sich endlich Vera Heyers Wunsch: Das große Literaturarchiv der Afro-Deutschen wird nun in einer eigenen Bibliothek im Wedding der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am Freitag ist Eröffnung.

Katarina Wagner
Ein Ort für regen Austausch: Der Lesesaal des EOTO-Archivs für afrikanische Literatur in der Weddinger Müllerstraße.
Ein Ort für regen Austausch: Der Lesesaal des EOTO-Archivs für afrikanische Literatur in der Weddinger Müllerstraße.Foto: Promo

Vera Heyer war eine fleißige Frau. Das ist ein großes Glück für das Afrikanische Viertel. Über rund 2.000 Bücher wird die neue Bibliothek verfügen, die der Verein Each One Teach One (EOTO) am Freitag eröffnet. Eine wertvolle Fundgrube an Schwarzer Literatur, von der 1995 im Alter von 48 Jahren ihrer langen Krankheit erlegenen Vera Heyer zusammengestellt. Zeitschriftenartikel, Sachbücher, wissenschaftliche Arbeiten, Biografien und natürlich zahlreiche Romane. Allesamt von Autoren und Autorinnen aus Afrika, von vielen Afro-Amerikanern und auch einigen Afro-Deutschen – und damit von Menschen, deren Perspektive in Deutschland lange Zeit wenig bis keine Beachtung gefunden hat.

EOTO verwirklicht nun Heyers Vision und stellt mit Fördergeldern des Projekts "Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel" des Bezirksamtes Mitte ihr umfangreiches Archiv in einer eigenen Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung.

In diesen mit Büchern bestückten Räumen soll nicht nur still gelesen werden, sondern ein reger Austausch stattfinden. Am besten über Generationen hinweg, das wünscht sich Tina Bach vom Vereinsvorstand. Für sie ist die Bibliothek eine echte Herzensangelegenheit. Hier soll ein Ort der gemeinsamen Wissensbildung und des Erfahrungsaustausches entstehen, wobei die Perspektive der Schwarzen gestärkt, in den Fokus gestellt und in die Mehrheitsgesellschaft getragen wird.

Zum Frühlingsanfang, am Freitag, den 21. März, gibt es die feierliche Eröffnung. Alle Interessierten sind eingeladen, in den Regalen zu stöbern, zu den Lesungen zu kommen, sich selbst einzubringen, neu auszudrücken und einander zuzuhören. Und wer auch fortan nicht vorbeischauen kann, dem stattet das Team vielleicht mal als mobile Bibliothek einen Besuch ab. Tina Bach hat dazu verschiedene Pläne: Sie möchte die Bücher in Schulen und Kindergärten bringen, dort gemeinsam lesen – oder auch mit jugendlichen Vorlesern Altersheime besuchen.

Schreibwerkstatt jeden Mittwoch

Für die Wochen nach der Eröffnung gibt es schon einige feste Termine. Jeden Mittwoch wird eine offene Schreibwerkstatt für Schwarze und People of Color von 13 bis 19 Jahren angeboten. Zusammen mit Bahati Glaß können die Jugendlichen ihre eigene Kreativität entdecken und in schriftlichen Texten, Spoken Word oder Musik und Comics ihre Erfahrungen und Gedanken ausdrücken. In Gedenken an Nelson Mandela wird am 28. März und am 4. April vormittags aus seinem Buch "Meine afrikanischen Lieblingsmärchen" vorgelesen. Stadtführungen zur Geschichte und Gegenwart des "Afrikanischen Viertels" sind für den 1. April, den 3. Mai und den 7. Juni geplant.

Wie alles begann

Die Bibliothek bekommt zwar für die Miete Förderung aus dem Topf des Bezirksamtes, das Team arbeitet dort allerdings ehrenamtlich. Auch Vera Heyer erstellte ihr Archiv auf eigene Kosten und neben ihrem Beruf. Sie durchstöberte Antiquariate und Buchläden nach jeglicher Literatur von schwarzen Autoren und Autorinnen. Mit ihrer Sammlung leistete sie einen wichtigen Beitrag für die Bewahrung und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenserfahrung schwarzer Menschen. Ihre Bestände waren schon zu ihren Lebzeiten Quellen für diejenigen, die sich etwa in Diplomarbeiten oder Zeitungsartikeln dem Thema widmeten. So bezog etwa die afrodeutsche Poetin und Aktivistin May Ayim viele Informationen aus Heyers Archiv. Damit konnte sie ihre umfassende Arbeit zur Geschichte Schwarzer Deutscher verfassen, ein bedeutendes Grundlagenwerk für die deutsche Forschung.

Nicht nur ihr Beitrag zur Sichtbarmachung schwarzer deutscher Geschichte verband Vera Heyer und May Ayim. Beide schöpften aus der Literatur und aus dem Entdecken ihrer eigenen Geschichte auch viel Kraft gegen den alltäglichen Rassismus und die Diskriminierung, die ihnen widerfuhr. Beide starben viel zu früh. Auf der Beerdigung von May Ayim, die sich 1996 das Leben nahm, lernten sich einige der späteren GründerInnen von EOTO e.V. kennen. Das geistige und materielle Erbe beider afrodeutscher Frauen zündete schon damals die Idee, in Heyers Sinn eine Bibliothek zu eröffnen. Doch erst als dann einige von ihnen ihren Wohnsitz nach Berlin verlegten, konnte das Projekt 2012 in Angriff genommen werden.

Ein anderer Ort kam für die Bibliothek nie in Frage. Berlin war schon immer der Dreh- und Angelpunkt der Bewegung. Die berühmte US-amerikanische Poetin und Theoretikerin Audre Lorde stieß mit ihren Vorlesungen an der Freien Universität ein neues Selbstbewusstsein vor allem der afrodeutschen Frauen an, May Ayim lebte in dieser Stadt und Vera Heyers Archiv lagerte hier in Kisten. Die Sammlung auseinander zu nehmen und schlicht an andere Bibliotheken zu verteilen, habe nie zur Diskussion gestanden.

Am 21. März feiert der Verein "Each one Teach one" die Eröffnung der Bibliothek in der Müllerstraße 55-58 im Großen Saal des Paul-Gerhard-Stifts mit einem breiten Programm ab 17:30 Uhr. Mehr Infos gibt es hier. (http://eoto-archiv.de/)

Die Autorin schreibt für QIEZ.de, das Berliner Stadtportal und ein Tochterunternehmen des Tagesspiegels.

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