Berlin : Neue Brücke: Oben die Abgeordneten, unten das Fußvolk

Christian van Lessen

Von Ufer zu Ufer wandern, in luftiger Höhe, mit Blick auf den Fluss und seine Schiffe - die schöne Aussicht können einmal Bundestagsabgeordnete, aber auch "normale" Fußgänger über der Spree genießen. Wann das sein wird, ist noch offen, spätestens im nächsten Jahr. Aber heute und morgen werden das im Sommer fertige Paul-Löbe-Haus und das im nächsten Jahr bezugsbereite Marie-Elisabeth-Lüders-Haus bei einer Aktion "Spreesprung" miteinander verbunden. Eine doppelstöckige Fußgängerbrücke soll den markanten Übergang vom künftigen Sitz der Bundestagsausschüsse zum geplanten wissenschaftlichen Dienstleistungszentrum des Parlaments schaffen.

Schützende Scheiben waren zunächst vorgesehen, dann aber aus Gründen des Vogelschutzes verworfen worden, wie die Bundesbaugesellschaft Berlin gestern in Erinnerung rief. Die Gefahr, dass Federvieh gegen die Scheiben prallt und unten den Schiffern leblos auf den Kopf fällt, schätzten die Verantwortlichen höher ein als mögliche Erkältungsgefahren für Abgeordnete. Aber irgendeinen Witterungsschutz soll es geben, hinter dem Wie stehen allerdings noch Fragezeichen, wie etwa bei den Fertigstellungsterminen für die Uferwege zu beiden Seiten, die allerdings nicht Sache des Bundes, sondern Berliner Angelegenheit sind. Aber zunächst muss die Brücke stehen.

Sie gehört zum "Band des Bundes", das der städtebauliche Entwurf des Architekten Axel Schultes vorsieht. Dieses Band besteht aus dem neuen Kanzleramt, dessen Schlüssel am 2. Mai offiziell übergeben werden, und den beiden Bundestagsbauten beiderseits der Spree. Ein Band aber muss Trennendes verbinden, aber auch schon aus rein funktionellen Gründen schien der Brückenschlag geboten. Er gilt als technische Meisterleistung, beginnt heute um 7.30 Uhr, startet rund eine Stunde später mit der "Brückeneinschwenkung" und zieht sich insgesamt über zwei Tage hin. Der Schiffsverkehr bleibt während der Montagezeit aus Sicherheitsgründen gesperrt, wofür eine umfangreiche Abstimmung zwischen dem Wasserschifffahrsamt Berlin und der Baufirma Walter-Bau notwendig war.

Die neue, vom Münchener Architekten Stephan Braunfels entworfene Brücke mit ihren zwei übereinander liegenden Stegen wird 62 Meter lang, fast drei Meter breit und insgesamt rund zehn Meter hoch sein. Sie besteht aus Sichtbeton und fügt sich stilistisch in das architektonische Konzept der neuen Bundestagsbauten ein. Das ist logisch, denn auch diese Gebäude wurden vom Architekten Braunfels entworfen.

Während der obere Steg als Verbindung für Parlamentarier und ihre Mitarbeiter vorgesehen ist, hier also der strenge Dienstweg eingeschlagen wird, soll die untere Brückenebene dem normalen Fußvolk gewidmet sein, das am Rand des Tiergartens lustwandelt und die hautnahe Nähe zu Parlament und Regierung sucht. Die Brücke für Passanten ist eine Stahlkonstruktion und so angelegt, dass auch Radfahrer das Ufer überqueren können. Der untere öffentliche Brückenteil - der Boden ist mit Naturstein ausgelegt - wird auf beiden Seiten über Treppen und Rampen zu erreichen sein.

Die Abgeordnetenbrücke aber hat mit Treppen und Rampen und mit Bodenhaftung nichts zu tun. Sie verbindet beide Bauten in Höhe des jeweils fünften Stockwerks und besteht aus zwei miteinander verbundenen Fachwerkträgern aus Stahl, Decke und Boden aber sind aus Beton.

Und das alles nun wird heute zusammengesetzt, zunächst die Fußgängerbrücke, am Mittwoch die Abgeordnetenbrücke. Die konstruktiven Brückenteile wurden aus vorgefertigten Einzelelemente vormontiert, streng überwacht durch die schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt Brandenburg. Auf der Seite des Marie-Elisebeth-Lüders-Hauses, liebevoll von den Bauleuten nur "Marie" genannt, fährt ein Tausend-Tonnen-Autokran auf, der die beiden fertigen Stahlkonstruktionen von ihren getrennnten Montageplätzen in ihre endgültige Position einschwenkt. Das wird ein besonders spannender Moment sein. Dann sollen beiden Brückenelemente mit den Auflagern, die in die Gebäude eingebaut sind, befestigt werden - auch das ist eine heikle Angelegenheit des Schraubens und Schweißens. Dann verschwindet die Brücke hinter einem Gerüst, die Bauteile werden abschnittsweise betoniert. Auch das ist spannend: Da sich die Fußgängerbrücke erst nach dem Aushärten des Betons selbst trägt, wird sie zunächst mit vier Zugankern an die Abgeordnetenbrücke gehängt. Die Brücke wird jedenfalls der schnellste Bundestagsneubau in Berlin sein. Ihre Kosten sind im 1,8-Milliarden-Bauprogamm des Parlaments enthalten, das im Juli mit seinem endgültigen Umzug beginnt.

Dann wird das Jakob-Kaiser-Haus an der Dorotheenstraße bezogen, in dem etwa zwei Drittel aller Bundestagsbüros untergebracht werden, und das Paul-Löbe-Haus. Weil sein Gegenüber noch nicht fertig ist, bleiben die Brückenzugänge gesperrt.

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