Neue Dauerausstellung : Museum Neukölln ist nach Britz umgezogen

Die neue Dauerausstellung im Museum Neukölln zeigt 99 skurrile Objekte.

von
Im Museum steht Dagoberts Bombenkasten neben einer Schallplatte von 1929. F: Rückeis
Im Museum steht Dagoberts Bombenkasten neben einer Schallplatte von 1929. F: Rückeis

Der unscheinbare schwarze Kasten hätte vor 22 Jahren in der Spielzeugabteilung des KaDeWe explodieren sollen. Doch die als Trafo getarnte Bombe versagte und das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem berühmten Kaufhauserpresser Arno Funke alias „Dagobert“ und der Polizei begann. Heute steht die hölzerne Bombenkiste in einer runden Glasvitrine im ehemaligen Pferdestall des Britzer Gutshofes. Am vergangenen Wochenende eröffnete dort das Museum Neukölln seinen neuen Standort und mit „99 x Neukölln“ die erste Dauerausstellung seit 26 Jahren. Vom 20 000 Jahre alten Unterkiefer eines Mammuts bis zur schwarzen Wollmütze der Marke „Rütli-Wear“: 99 Exponate erzählen Geschichten rund um Neukölln und seine Bewohner. Zur Aufklärung: Der Mammutknochen wurde im Körnerpark gefunden und Dagobert wuchs in dem Stadtteil auf.

Im Vergleich zum alten Standort in der Ganghoferstraße hat sich viel verändert. Denn wie alt das Haus von außen auch aussehen mag, im weißen Inneren dominiert Hightech. Bewegliche Computerterminals erklären die Geschichte zum jeweiligen Objekt, erläutern dessen historische und kulturelle Bedeutung, bieten Bilder, Audiodateien und Videos an. Quizfragen stellen das eigene Wissen über die Singer-Nähmaschine von 1878 oder das Einrad des Neuköllner Artisten Kurt Kujawicki auf die Probe. Alles zeitgemäß per berührungsempfindlichem Bildschirm. Die Ausstellungsfläche ist mit 100 Quadratmetern eher klein, doch über die Terminals können die Besucher stundenlang in die Geschichte Neuköllns eintauchen. Vor ehemaligen Pferdetränken stehen vier Computer, an denen die Gäste zudem ihre eigenen Erfahrungen mit den Exponaten niederschreiben können. Das geht auch von zu Hause aus über die Internetseite des Museums. „Geschichtsaufarbeitung muss dialogisch passieren“, sagt Museumsleiter Udo Gößwald.

Die Objekte sollen als Einstieg in Neuköllns Geschichte dienen, erklärt er das Konzept der Ausstellung. Jedes für sich, ohne übergeordnete These. So dient das mit Blumen verzierte Toilettenbecken von 1917 als Ausgangspunkt zur Erkundung der Neuköllner Sozialgeschichte, das abgenutzte Schild des Arbeitsamts Berlin-Süd aus den 70er Jahren als Zugang zur Neuköllner Wirtschaftsgeschichte und damaligen Wirtschaftskrise. Die Besucher können den Ausflug in Neuköllns Entwicklung nicht nur über das einzelne Objekt, sondern auch über Themengebiete oder eine dreidimensionale Karte des Stadtteils beginnen.

Vor zwei Jahren hatte Gößwald mit der Planung der Ausstellung begonnen. Die Auswahlkriterien: Die Objekte müssen attraktiv sein, eine Geschichte verkörpern und einen relevanten Ausschnitt für eine Epoche Neuköllns darstellen, sagt der Museumsleiter. Ein Großteil sei gespendet worden. Schon jetzt ist die Ausstellung erfolgreich, mehr als 1600 Menschen kamen ins frisch eröffnete Museum. Am 18. Juni wird im Nebenraum eine Wechselausstellung zu den Britzer Löwenhäusern eröffnet, am Tag des offenen Denkmals im September öffnet im Dachgeschoss der Geschichtsspeicher. Dort können Besucher nach vorheriger Anmeldung zwischen alten Bildern, Dokumenten und Objekten stöbern und selbst Historiker werden.Christoph Spangenberg

Museum Neukölln, Alt-Britz 81, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei, www.museum-neukoelln.de.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben