Berlin : Neue Erkenntnisse im Mordfall Christian

Urteil im Prozess gegen Ken M. verzögert sich nach überraschender Erklärung des Angeklagten

Kerstin Gehrke

Das Urteil schien nahe. Nach dem Gutachten sollte es gestern im Prozess um den Mord an dem kleinen Christian bereits zu den Plädoyers kommen. Doch am Vormittag des 5. Verhandlungstages gab der Verteidiger für seinen Mandanten Ken M. (Name geändert) eine weitere Erklärung ab. „Der Gutachter hat auf Grund der Einlassung Fragen“, hieß es kurze Zeit später am Rande des nicht öffentlichen Prozesses. Zudem seien neue Erkenntnisse aufgetaucht, nach denen weitere Zeugen gehört werden sollen.

Ken M. soll den siebenjährigen Christian aus seiner Nachbarschaft am 27. August letzten Jahres in Zehlendorf in ein Versteck gelockt, dort erst mit der Faust und dann durch Schläge mit einem Ast sowie Tritten zu Tode misshandelt haben. Die Anklage geht von zwei Motiven aus: „angestauter Frust“ und „sexuelle Befriedigung“. Dem tödlichen Übergriff soll ein nächtlicher Ärger mit seiner damaligen Freundin vorausgegangen sein.

Der 16-jährige M. hat zu Beginn des Prozesses ein Geständnis abgelegt. Er berief sich nach Angaben seines Verteidigers auf den Einfluss von Alkohol und Drogen. Die schwierige Frage im Prozess ist die nach der Schuldfähigkeit. Davon hängt ab, ob Ken M. zu einer Jugendstrafe verurteilt wird oder möglicherweise in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss. Das Gutachten zu Ken M. ist über 100 Seiten stark und soll nun ergänzt werden.

Zum Inhalt der Erklärung, die nach Einschätzung des Anwalts zu einer „hochheiklen Situation“ führte, wollten sich die Prozessbeteiligten nicht äußern. Auf dem Gerichtsflur gingen Gerüchte um: Ken M. soll über seinen Anwalt erklärt haben, dass er schon immer jemanden umbringen wollte, um zu wissen, wie das ist. Und er soll klar gemacht haben, dass es ohne Hilfe wieder passieren würde.

Fest steht: Die weitere Aussage des mutmaßlichen Mörders löste Aufregung aus. Der psychiatrische Gutachter bekam sofort Gelegenheit zu einem weiteren Gespräch mit Ken M. Am 12. Mai sollen drei Personen aus dem Bekanntenkreis des Angeklagten befragt werden. Danach wird das abschließende Ergebnis des Gutachters erwartet. Ist Ken M. voll schuldfähig, droht ihm eine Jugendstrafe von bis zu zehn Jahren. Sollten die Richter am Ende zu der Auffassung kommen, dass er in krankhaftem Zustand handelte und gefährlich für die Allgemeinheit ist, muss Ken M. mit einer Unterbringung in der Psychiatrie rechnen.

Das Urteil soll nach derzeitigen Planungen am 1. Juni gesprochen werden.

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