Neue Hagel-Inszenierung in Berlin : Das Mozart-Casting im Schloss Charlottenburg

Die Berliner Theaterlegende Helmut Baumann gibt den „Schauspieldirektor“ im Schloss Charlottenburg – mit DSDS-Faktor.

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Streitgesang im Schloss Charlottenburg. Foto: promo
Streitgesang im Schloss Charlottenburg.Foto: promo

Wie jetzt: Deutschland sucht den Superstar, oder was? Helmut Baumann lacht sich kaputt. „Ich kannte das ja gar nicht“, sagt er und kichert so sehr, dass seine Augen hinter den vielen Lachfalten fast verschwinden. Ja, sagt er dann und beruhigt sich langsam, irgendwie schon, wenn auch natürlich ganz anders und viel besser!

Ein großes Casting – oder, wie sie es nennen: einen internationalen Gesangswettbewerb – ist die Rahmengeschichte für das Singspiel, das Baumann, Berliner Theaterlegende, und Christoph Hagel, Regisseur mit Cross-Over-Affinität, ab dem heutigen Donnerstag in der Großen Orangerie des Schlosses Charlottenburg auf die Bühne bringen. Worum es dabei geht, soll noch nicht verraten werden. Aber so viel ist sicher: Wenn Christoph Hagel beteiligt ist, wird es zumindest originell.

Die „Zauberflöte“ in der U-Bahn hat der 56-Jährige inszeniert, „Don Giovanni“ im E-Werk, er ließ die Breakdancer der Flying Steps zu Bach und Mozart tanzen, mal in der Neuen Nationalgalerie, mal im Wintergarten, stets ein Seiltanz zwischen Genie und Klamauk. Diesmal also wieder Mozart, „Der Schauspieldirektor“. Obwohl auch das eigentlich in die Irre führt, sagt Helmut Baumann, 76, Schauspieler, Choreograf und langjähriger künstlerischer Leiter des Theater des Westens. Nichts mehr habe ihre Fassung mit dem Original zu tun, sagt er, gar nichts!

Das Stück spielt heute und genau hier, im Schloss Charlottenburg, dafür haben sie es geschrieben. Die Orangerie mit ihrem feinen Stuck über den Barockfenstern, ein schlauchartiger Raum mit einer Bühne von höchstens 20 Quadratmetern. Ideal für die schmale Besetzung aus drei Sängern und Baumann auf der Bühne sowie Hagel als Dirigent der gut 20 Musiker des Jungen Sinfonieorchesters Berlin davor. Und 300 Zuschauer.

"Der ursprüngliche Text ist auch nicht besser als unserer"

Charlottenburg musste es sein, nicht nur, weil beide Macher hier leben – Hagel kommt mit dem Rad, Baumann zu Fuß zur Generalprobe. Mozarts „Schauspieldirektor“ ist 1785 in der Orangerie des Schlosses Schönbrunn bei Wien uraufgeführt worden, damals in einer Art Zweikampf mit Antonio Salieri. Erst habe der eine, dann der andere gespielt, sagt Hagel, insofern passe die Sache mit dem Casting doppelt gut. „Mozart erzählt, was zwei Sängerinnen miteinander veranstalten, wenn jede behauptet, sie sei die beste“, sagt Baumann. Das Original, ein kleines Singspiel von höchstens einer Stunde, führe ohnehin niemand so auf, wie es geschrieben wurde. „Der Text ist unsäglich!“, findet auch Hagel. „Die Arien sind große Oper, aber durch den fusseligen Text kommt das nicht zum Tragen.“ Wird das jetzt besser, mit dem Libretto von Andreas Hass, der schon die U-Bahn-„Zauberflöte“ geschrieben hat? „Naja, schlechter als der ursprüngliche Text ist unserer auch nicht“, sagt Hagel, und Baumanns Augen verschwinden wieder.

Die Querverweise sind so üppig wie manch Opernsänger, von Heidi-Klum-Zitat bis BER-Kalauer. Absicht! sagt Hagel. Verballhornung einer bestimmten Art von Fernsehunterhaltung. Das sei alles Geschmacksache, aber: „Ich persönlich finde diese Art von Humor mozartisch.“ Leichte Unterhaltung mit Helmut Baumann als Conferencier. „DSDS“, murmelt der nun wieder und grinst.

Ach, dieser Baumann, man möchte ihn knuddeln und dann mit ihm ein Bier trinken gehen. 76 soll er sein, dieser Lausbub, umtriebig wie eh und je. „Wir tun jetzt so geheimnisvoll, aber so doll ist es gar nicht“, flüstert er. „Es kommt keiner mit einem Maschinengewehr um die Ecke. Aber lustig ist es trotzdem.“

Erstmal gibt es nur sechs Aufführungen

Mozart, so viel darf man noch verraten, bildet dennoch das Zentrum des Stücks. „Mir war wichtig, dass auf eine spielerische Weise viel von Mozart hineinkommt, deshalb wird davon auch viel die Rede sein“, erklärt Hagel. „Aber auch ein bisschen DSDS-Stil.“ Ha! Jetzt hat er es selbst gesagt!

Christoph Hagel hat anlässlich der 300-Jahr-Feiern der Schlösserstiftung quasi jeden Zentimeter des Geländes bespielt, sogar Taucher stiegen aus dem Teich auf. Hagel ist immer auf der Suche, nach neuen Orten und Menschen, bietet jungen Sängern und Musikern immer wieder eine große Plattform. Es geht ihm auch darum, diesen Ort für Opernaufführungen zu gewinnen. „Es ist weit draußen hier“, sagt er, „die Anbindung ist ein Problem.“ Deswegen gibt es erstmal sechs Aufführungen, dann wollen sie weitersehen. Schließlich sind Fortsetzungen bei Castingshows durchaus üblich. Wir sehen uns im Recall.
„Der Schauspieldirektor“ im Schloss Charlottenburg, 29. + 30. 10., 7. + 14. 11., jeweils 20 Uhr, 1. + 15. 11., 18 Uhr. Karten ab 39 Euro, bei den 20-Uhr-Terminen kann optional ein Dinner dazugebucht werden (Beginn 18 Uhr), Kosten ab 76 Euro (inkl. Vorstellung). Weitere Infos unter: www.orangeriekonzerte.berlin

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