Berlin : Neue Heimat für die alkoholische Abteilung

Im Naturkundemuseum hat der Wiederaufbau des Ostflügels begonnen. Dort soll Platz für 260.000 Tierpräparate entstehen

Thomas Loy

Seine Wunden und Blessuren hat das Museum für Naturkunde nie zur Schau gestellt – vielleicht ein Fehler. Die Ruine des Ostflügels hat durchaus Charme. Dünne Bäumchen, die in schwindelerregender Höhe auf Ziegelmauern balancieren. Fassaden, deren Rhythmus unvermittelt ins Leere übergeht. Schaurig schön, diese Kulisse, und doch war sie den Mitarbeitern stets ein peinigender Anblick. Eine der wichtigsten Forschungsstätten der Welt in einem baufälligen Zustand, wie kurz nach dem Krieg.

Diese Pein soll nun enden. Für rund 30 Millionen Euro wird der kriegszerstörte Ostflügel wiederaufgebaut. „Ein großer Tag“, sagte der Generaldirektor des Museums, Reinhold Leinfelder, beim Festakt zum Baubeginn. Der neue Ostflügel soll nicht mehr die Insektensammlungen aufnehmen, die Säugetierabteilung und den Anatomischen Saal wie der alte, sondern die Tierpräparate – 260 000 Gläser mit 85 000 Liter reinstem Alkohol. Die „alkoholisierten Organismen“, so formulierte es Leinfelder, seien „wahrlich berauscht von der Vorstellung, bald eine neue Heimat zu haben“.

Der neue Trakt – hinter dem Hauptgebäude gelegen und für die Besucher nicht einsehbar – wird sich architektonisch kaum von der alten Gebäudeoptik abheben. „Eine Hülle aus gegossenem Kunststein“, kündigte Roger Diener, der Architekt, an. Das alte Fassadenrelief bleibt erhalten, wird aber aus Beton bestehen, der vorgibt, Ziegelmauerwerk zu sein. Die vorhandenen Fensternischen allerdings müssen zugemauert werden, weil die Alkoholpräparate kein Tageslicht vertragen. Innen sollen die historischen Säle neu entstehen. Weil die Geschosshöhe jedoch sechs Meter beträgt, wird eine Zwischendecke eingezogen, um mehr Platz für die Präparate zu schaffen. Im Erdgeschoss entsteht ein öffentlich zugänglicher Ausstellungssaal. Der Termin für die Fertigstellung ist Ende 2008.

Das Geld für den Ostflügel stammt aus Mitteln der Hochschulbauförderung – der Bund und die Humboldt-Universität, zu der das Museum gehört, teilen sich die Kosten. Parallel laufen die Bauarbeiten in vier öffentlichen Sälen, die mit EU- und Lottogeldern finanziert werden und 2007 wiedereröffnet werden sollen. Um den gesamten Gebäudekomplex zu sanieren, müssten weitere 82 Millionen Euro aufgebracht werden. Woher dieses Geld kommen soll, ist noch völlig unklar. Die Bemühungen der Universität, das Museum in die „Blaue Liste“, der von Bund und Ländern gemeinsam finanzierten Forschungsinstitute aufnehmen zu lassen, sind bislang gescheitert. Alternativen zur Blauen Liste würden derzeit „ohne Scheuklappen“ geprüft, sagte Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, um dann etwas blumig anzufügen: „Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Geld.“

Der Ostflügel war im Februar 1945 durch einen Bombentreffer zerstört worden. Damals ging auch die berühmte Sammlung von Walskeletten verloren. Was nicht vernichtet war, musste in die übrigen, ebenfalls kriegsbeschädigten Räume umgelagert werden. Mit der Wiederherstellung des Ostflügels erhält das Museum sein altes Raumvolumen zurück, das auch dringend benötigt wird, um mehr als 30 Millionen Sammlungsobjekte unterzubringen.

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