Berlin : Neue Heimat

Thomas Loy

Das Gesicht einer jungen Frau, dunkler Hauttyp. Ihre dichten Haarstränge sind mit dem Blättergewölk der Bäume im Hintergrund zu einem Vorhang verwachsen. Neben ihr, übereinander geschoben, stehen drei Häuser, deren blaugraugrüner Anstrich wie ein Schimmer die Szenerie überstrahlt. "Märkisches Viertel" heißt das Bild, 1987 gemalt von Lilo Schmidt. Zu sehen im Treppenhaus der Gesobau-Verwaltung, Wilhelmsruher Damm 142, 4. Stock. In dem Pastell ruht der Geist der Siedlung. Kaum jemand sieht es. Die meisten Besucher fahren Fahrstuhl. Und für das ungeschulte Auge ergibt sich ja auch eine andere Wirklichkeit.

Anfahrt von Osten. Hinter der Ebene des Mauerstreifens ragen weiße Quader aus einem grünen Saum hervor. Sie vermengen sich zu einem flachen Gebirgszug. Im Kopf versammeln sich die Gedanken zu einem stillen Protestseufzer: Bloß nicht hier wohnen müssen! Hier möchte man einfach nicht hin. Die Straße durch die große Zentralschlucht windet sich nicht lieblich um verspielte Siedlungshäuser, sie schneidet nur mitten hindurch: der Wilhelmsruher Damm. Ein Fluchtweg aus der betonierten Anonymität. So ist es doch überall in Großsiedlungen - oder nicht?

Mieter Klaus Scholtz kennt diese Reaktionen. Alle Menschen aus dem Viertel kennen sie. Damit leben sie schon seit Jahrzehnten. Die in die Jahre gekommenen Vorurteile haben sie zusammengeschweißt, eine nachbarliche Gemeinschaft geformt, die selten geworden ist in der Millionenstadt Berlin. Langsam sickert durch, dass das MV nicht mehr der sozial zerrüttete Hochhaus-Moloch ist, für den man es zeitweise zu Recht gehalten hat - etwa Mitte der 90er, als Straßengangs brave Schuljungs erschreckten. Schlimmer noch in den 70ern. Damals schoben die Sozialämter ihre schweren Fälle dorthin ab. Heute ist MV das Kürzel für ein intaktes Gemeinwesen, eine quirlige Kleinstadt. Die Märker wissen das. Nur drum herum lebt man noch im Tal der Ahnungslosen.

Kiezfest auf dem Stadtplatz. Interessant ist, was nicht zu sehen ist: Hähnchenbräter, Spielbuden oder Alles-für-99-Pfennig-Verkäufer. Kinder und Jugendliche stellen die Besuchermehrheit. Sie spielen Basketball, fahren Rollschuh oder malen sich gegenseitig die Gesichter an, während ihre Eltern von Gruppen und Vereinen umworben werden: Es präsentieren sich die Versuchsmodellschule Bettina von Arnim, die Jugendkunstschule Atrium, die Waldorfschule, der Spielmobil-Bollerwagen, das Jugendzentrum comX, der offene Treffpunkt "S 35" et cetera. Gudrun Winkelmann ist Pionierin der "Elterninitiative Heinzegraben". Als man Anfang der 70er in einer ehemaligen Baubaracke der Arbeiter anfing, fiel der Initiative für viele Jahre das Kita-Monopol zu. Heute gibt es zwölf Kitas mit einem Überangebot an Plätzen, und die Elterninitiative mit ihren Erziehungsidealen aus der 68er-Bewegung bangt um ihre Existenz.

Anne Pausewang von "Horizonte e.V." lobt die gute Zusammenarbeit zwischen Initiativen und Institutionen. Sogar das Einkaufszentrum mache mit. Anstatt auf Vandalismus mit Wachschutz und Repression zu reagieren, soll demnächst ein Infopoint für Jugend- und Familienberatung mitten im Konsumtempel entstehen. Es gebe nach wie vor einen "hohen Anteil an schwierigen Familien", sagt Pausewang. Bestimmte Häuser im Viertel könne man durchaus als "sozialen Brennpunkt" einstufen. Doch die gut ausgestattete Sozialfeuerwehr hält ständig einen kräftigen Wasserstrahl drauf.

Wilhelmsruher Damm 177. Ein Hochhausblock mit gemauerter Vorfahrt, die auch einem Vier-Sterne-Hotel gut anstünde. Darunter liegt die Tiefgarage mit den Daimler, 5er-BMW und Familienbussen. Nummer 177 gehört zu den besseren Adressen im Viertel. Die Mieter könnten sich auch was Eigenes leisten, wollen dafür aber nicht wegziehen. Rentner Scholtz ist Erstmieter. Seit 30 Jahren wohnt er im fünften Stock mit Blick auf die Flugzeuge, die nach Tegel einschweben. Vorher, frisch verheiratet, lebte er "Stube-Küche" in Wedding, mit Kohleofen. Als dann das Angebot kam: "Neubau, 89 Quadratmeter, zweieinhalb Zimmer, Zentralheizung" gab es kein langes Überlegen. Sie nannten es: "Unser Paradies".

Damals war das Viertel noch eine Dauerbaustelle. An den Straßen türmte sich das Mobiliar der zwangsgeräumten Mietschuldner. Magazinjournalisten entdeckten das MV bald als dankbares Pflaster für Sozialreportagen. Scholtz wohne ja in einer "Räuberhöhle", flunkern seine Seglerkameraden noch heute. In solchen Momenten ergreift der sonst zurückhaltende Scholtz Partei: Lübars, das Fließtal, vier Buslinien, Fontanehaus und das Einkaufszentrum fußläufig. "Wir vermissen nichts."

"MV ist ein Dorf", sagt Pfarrer Swen Schönheit, der seit 12 Jahren die Evangelische Apostel-Petrus-Gemeinde leitet. Auf dem Weg ins Zentrum trifft er so viele Bekannte, dass die kurze Distanz zuweilen viel Zeit beansprucht. Inzwischen weigert sich schon die dritte Generation, ihr Dorf zu verlassen. Schönheit ist durch Open-Air-Gottesdienste bekannt geworden, in denen auch für das Viertel gebetet wird. In der Kirche treffen sich die verschiedensten Gruppen seiner Gemeinde zur sonntäglichen Vollversammlung - viele junge Leute kommen, auch aus anderen Ortsteilen Reinickendorfs. Was suchen die hier? Schönheit weiß es auch nicht genau. Es gebe "viele bedürftige, lebenshungrige Menschen" im MV, die eine große "Herzlichkeit" ausstrahlen. Das zieht Menschen aus saturierten Gegenden an, in denen jeder für sich lebt.

In Gesprächen mit den Menschen im MV fällt spätestens im dritten Satz das Wort Gesobau. Die "Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau" ist so etwas wie der Übervater des Viertels, besser: der gute Onkel, der sich um seine Neffen und Nichten kümmert. Aus Zuneigung und klugem Kalkül. Oder aus schlechtem Gewissen, wie Pfarrer Schönheit vermutet. Hatte der Onkel Ende der 60er Jahre doch eine "gnadenlose Hochhaussiedlung" aus dem sumpfigen Boden gestampft. Die Wiedergutmachung - neu gestaltete Eingangsbereiche und Plätze, private Graffiti- und Müllbeseitigung, Hilfe bei Mietschulden, Umzügen oder Renovierung, eigenes Kunst- und Kulturprogramm - kostete und kostet die Gesobau einen großen Batzen Geld, doch langfristig rechne sich der Einsatz, sagt Stefan Wosche-Graf, der Bevollmächtigte der Gesobau für das Märkische Viertel. Bei nicht geringen Warmmieten um die 15 Mark pro Quadratmeter stehen nur drei Prozent des Wohnungsbestandes leer. In Hellersdorf und Marzahn liegt diese Rate um 10 Prozent. Im Gesobau-Verwaltungssitz, dem Rathaus von MV, wird geboten, was der verwöhnte Kunde erwartet: Lächelnde Damen am Infotresen, ein Computerterminal zur schnellen Wohnungssuche und jede Menge Werbenippes - Tassen, Jutetaschen, Feuerzeuge, Basecaps und Aschenbecher mit dem MV-Logo. Professionelles Stadtmarketing. Denn als Stadt fühlt man sich auch, nicht als bloßer Ortsteil von Reinickendorf. Wie die Spandauer sagen auch die "Märker": Heute fahren wir mal nach Berlin.

"Wir sind keine klassische Wohnungsbaugesellschaft", sagt Wosche-Graf, ein zurückhaltender Mensch mit dem rhetorischen Feinschliff eines Intellektuellen. "Wir bieten den Menschen nicht nur eine Wohnung an, sondern Wohnen." So idealistisch dachten vor 40 Jahren auch die Planer der Großsiedlung und klotzten kräftig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. "Massive Fehler" seien in den ersten Jahren gemacht worden, sagt Wosche-Graf. So wurde Mietern gekündigt, die auf ihren Balkonen Karnickel oder Ziegen hielten, wie sie es zuvor auf den Kleingartenparzellen getan hatten. Dabei erwiesen sich die "Siedler" bald als die treueste Mietfraktion.

Erst seit Mitte der 80er Jahre wandelte sich die Gesobau langsam vom Wohnungsvermieter zum Quartiersmanager und vollzog mit reichlich Verspätung den Paradigmenwechsel der Sozialpolitik nach: Prävention statt Repression. Ist ein Mieter nicht mehr solvent, geht mit der ersten Mahnung ein Angebot zur Schuldnerberatung raus. Gibt es Hinweise auf familiäre Probleme, kümmert sich eine betriebseigene Sozialarbeiterin. Heute stehen die Gesobau-Manager an der Spitze einer basisdemokratisch verwalteten Großkommune. In jedem Haus gibt es einen Mieterbeirat, zusammengefasst im Gesamtmieterbeirat. Sogar das Einkaufszentrum hat sich inzwischen einen Beirat zugelegt. Ohne die Beiräte wird im Viertel kein Blumenkübel mehr verschoben. "Wir übernehmen nur die Rolle des Moderators", sagt Wosche-Graf mit einem milden Lächeln. Die Gesobau erkundigt sich alle paar Jahre bei den Damen und Herren Mieter ausführlich nach ihren Wünschen.

Verblüffend ist auch, dass viele Wünsche umgesetzt werden, sofern sie in der Macht der Gesobau stehen. Das Märkische Viertel ist inzwischen reich an Straßenbäumen, Spielplätzen, Ruhebänken und Springbrunnen. Und die Brunnen führen sogar Wasser. Zum Quartiersmanagement, Marke Gesobau, gehört auch eine "aktive Belegungspolitik". Damit keine "Russen- oder Türkenblocks" entstehen, achtet man auf einen ausgewogenen Kulturmix. Das klappt natürlich nicht immer. Die "generelle Linie" wird in jedem Haus mit dem Mieterbeirat abgestimmt. "Wir lassen lieber eine Wohnung leer stehen als ein Risiko einzugehen", sagt Wosche-Graf.

Wosche-Graf stammt aus der gutbürgerlichen Villenstadt Wiesbaden und fand das Märkische Viertel beim ersten Sichtkontakt als Soziologiestudent eher abschreckend. Das Phänomen der Großsiedlung gehörte Ende der 70er Jahre schon zum festen Feindbild an der Uni. Heute weiß der Soziologe, dass der Feind ganz woanders steht. Der Vorstand kündigte seinen Vertrag zum 30. Juni 2002. Eine Begründung dazu gibt es nicht. Beobachter vermuten interne Ränkespiele, womöglich noch parteipolitisch angereichert. Der Vorstandsvorsitzende Rolf Brüning, als dessen Adlatus Wosche-Graf gilt, geht nächstes Jahr in den Ruhestand. Brüning hat das Vorzeigemodell Märkisches Viertel gegen alle Widerstände im Haus durchgesetzt. Wosche-Graf wäre quasi sein natürlicher Nachfolger. Ohne die beiden ist das Märkische Viertel akut gefährdet, befindet Mieterbeiratsvorsitzender Harri Hübner. "Das wäre katastrophal." In zehn Jahren könnte das MV dann wieder interessant werden für einschlägige Sozialreports. Titelvorschlag: Alles schon mal da gewesen.

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