Neue Kolumne "Mühling kommt rum" : In 96 Texten durch die Stadt

Unser Autor besucht für seine Kolumne alle Berliner Ortsteile. Warum er das tut? Ein Erklärungsversuch.

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Die neue Kolumne "Mühling kommt rum" erscheint ab Sonnabend jede Woche im Tagesspiegel-Magazin "Mehr Berlin".
Die neue Kolumne "Mühling kommt rum" erscheint ab Sonnabend jede Woche im Tagesspiegel-Magazin "Mehr Berlin".Foto: imago/Manngold

Wie oft bin ich morgens aufgewacht und dachte: Du müsstest mal irgendwo hinfahren, wo du noch nie warst. Irgendwohin, wo du auch ohne guten Grund nie landen würdest, in eine der vielen kleinen unbekannten Ecken, aus denen unsere große Stadt besteht.

Wie oft bin ich abends eingeschlafen, nachdem ich den Tag dann doch wieder in den immergleichen Innenstadtbezirken verbracht hatte, aus denen man ohne guten Grund schwer rauskommt, weshalb sich unsere große Stadt mitunter so verblüffend klein anfühlt.

Bis da eines Morgens diese Idee war: ganz Berlin abklappern, Stück für Stück, Ortsteil für Ortsteil. Nicht lange überlegen, keinen Grund suchen, einfach blind hinfahren und loslaufen. Rumstromern, rumstöbern, Leute anquatschen, Abenteuer erleben. Alle Puzzlestücke entdecken, aus denen die Stadt zusammengesetzt ist, um am Ende das ganze Bild sehen zu können.

Schnell mal nachgeschaut: Wie viele Ortsteile hat nochmal Berlin? Kleiner Schock beim Blick auf Wikipedia: Um Gottes Willen, 96 Stück? Das wären ja... wenn man sich jetzt jede Woche einen vornimmt... fast zwei Jahre? Ganz schön lange Strecke. Andererseits: Kann man sich bessere zwei Jahre vorstellen?

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Ab Sonnabend jede Woche im Tagesspiegel-Magazin "Mehr Berlin"

Und so entstand sie, die Idee zur neuen Kolumne „Mühling kommt rum“, die ab Sonnabend jede Woche im Tagesspiegel-Magazin „Mehr Berlin“ erscheint. Einmal pro Woche werde ich mich auf den Weg machen, um die toten Winkel und blinden Flecken meines inneren Falk-Plans mit städtischem Leben zu füllen. Kann doch schließlich nicht sein, dass es in Fennpfuhl und Haselhorst, in Rosenthal, Kaulsdorf und Wilhelmsruh nichts zu entdecken gibt. Es verirrt sich nur viel zu selten jemand aus dem Inneren des S-Bahn-Rings dorthin.

Der Markt in Adlershof.
Der Markt in Adlershof.Foto: Jens Mühling

Am Anfang war ich nicht sicher, in welcher Reihenfolge ich vorgehen soll. Von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, von außen nach innen? Bis ich am Ende entschied, die Entscheidung dem Zufall zu überlassen – oder genauer gesagt: dem Alphabet. Von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf wird meine Reise führen. Anstatt den Finger blind auf die Landkarte zu legen, folge ich dem nicht weniger beliebigen Ordnungsprinzip der Buchstaben. Warum? Damit ich gar nicht erst in Versuchung komme, bei der Auswahl meiner Reiseziele in Muster zu verfallen, die mehr mit mir selbst als mit der Stadt zu tun haben.

Denn es ist ja das ganze, das ungeteilte Berlin, um das es hier gehen soll, mit wirklich allen seinen Ortsteilen, vom kleinsten (Hansaviertel) bis zum größten (Köpenick), vom einwohnerreichsten (Neukölln) bis zum einwohnerärmsten (Malchow), vom durchschnittlich jüngsten (Rummelsburg) bis zum ältesten (Stadtrandsiedlung Malchow).

Überall Außergewöhnliches, Neues, Unerwartetes erlebt

Die ersten Exkursionen liegen nun hinter mir. Einen Tag habe ich in Adlershof verbracht, einen in Alt-Hohenschönhausen, den dritten in Alt-Treptow. Nirgendwo habe ich Spektakuläres erlebt, aber überall Außergewöhnliches, Neues, Unerwartetes. Wie sollte es auch anders sein? Kennt doch schließlich jeder dieses Gefühl, wenn man zum ersten Mal durch eine Stadt schlendert – und plötzlich merkt, dass einem Dinge auffallen, die man daheim nie bemerken würde, weil man die Augen in der Fremde einfach ein Stück weiter aufreißt. Und dass sich Berlin wie eine fremde Stadt anfühlen kann, sobald man nur mal ein paar Haltestellen weiter raus fährt, als man es sonst tut.

Ein wenig Sorge machen mir noch die sattsam bekannten unter den Ortsteilen: Kreuzberg, Charlottenburg, Friedrichshain, Gegenden, von denen jeder in Berlin ein Bild hat. Andererseits: Auch dort werden sich Ecken finden, in die selten jemand schaut.

Das Tollste wäre, wenn Sie beim Lesen selber Lust bekämen, mal nach Falkenberg zu fahren. Oder nach Schmöckwitz. Vielleicht auch nach Gatow. Denn geben Sie’s zu: Sie sind auch schon mit dem Gedanken aufgewacht, man müsse mal irgendwo hinfahren, wo man noch nie war.

Ab Sonnabend lesen Sie die Kolumne "Mühling kommt rum" jede Woche im gedruckten Tagesspiegel oder im E-Paper.

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