Berlin : Neue Leber für ein Baby

Ärzte retten mit einmaliger Operation das Leben des kleinen Gaetano aus Berlin. Jetzt beginnen zwei kritische Wochen

Ingo Bach

Sein Leben hatte kaum begonnen, da war es schon in Gefahr. Der kleine Gaetano aus Berlin kam mit einer tödlichen Stoffwechselkrankheit auf die Welt. Erst 30 Tage ist er alt, als ihm Tübinger Ärzte in einer deutschlandweit einmaligen Operation eine neue Leber einpflanzen.

Das Baby, das Anfang April im Weddinger Virchow-Klinikum der Charité geboren wurde, litt unter einer so genannten Hämochromatose, einer zwar seltenen Krankheit, die aber gerade bei neugeborenen Jungen gehäuft auftritt. Dabei speichert der Körper bis zum Hundertfachen der normalen Menge Eisen aus der Nahrung, das in dieser Dosis zum Gift wird. Gaetanos Leber wurde so stark geschädigt, dass sie sich aufzulösen begann.

Die einzige Hoffnung für den Kleinen, der nur 3000 Gramm wiegt, war ein neues Organ. Die Ärzte der Charité wandten sich an ihre Kollegen im Tübinger Universitätsklinikum. Zwar verfügt die Charité selbst über eines der größten Transplantationszentren in Europa – hier werden jährlich unter anderem rund 130 Lebern transplantiert –, doch habe man in Berlin weniger Erfahrung mit so kleinen Patienten. „Es gibt hierzulande nur vier Kliniken, die Transplantationen an Kleinkindern unter fünf Kilogramm Gewicht wagen“, sagt Oliver Amon, Transplantationskoordinator für Kinderheilkunde und Jugendmedizin des Tübinger Klinikums. Aber an ein Baby mit nur 3000 Gramm Gewicht habe sich in Deutschland noch kein Transplantationsmediziner getraut.

Per Flugzeug wird der Junge am 27. April in Begleitung seiner Mutter nach Tübingen verlegt. „Als er ankam, war er quicklebendig“, sagt Amon. Aber gleichzeitig war Gaetanos Haut „quittengelb“, sichtbares Zeichen des fortschreitenden Leberversagens. „Ein paar Tage später wäre er tot gewesen.“ Die Ärzte setzten den Jungen mit höchster Dringlichkeitsstufe auf die Warteliste für eine Spenderleber, die in den Niederlanden von der Stiftung „Eurotransplant“ für sechs EU-Staaten geführt wird.

Am vergangenen Donnerstag um 1 Uhr kam der Anruf: Eine passende Leber steht zur Verfügung. Kurz zuvor war ein siebenjähriger Junge in Brüssel verstorben – sein Organ sollte jetzt Gaetanos Leben retten. Um 5.30 Uhr begann die Operation. Eigentlich sollte nur ein Teil der Spenderleber eingesetzt werden – denn das Organ war mit 300 Gramm Gewicht und 12 Zentimetern Länge doppelt so groß wie bei einem Neugeborenen. Doch dann entschieden die Chirurgen, die ganze Leber einzusetzen. So habe man die Gefahr von Komplikationen verringert, erklärt Amon. Um 9.30 Uhr war alles klar: Die neue Leber arbeitet.

Jetzt liegt der Junge auf der Intensivstation. Er muss beatmet werden, weil die große Leber auf seine Lungen drückt. Aber das Organ werde sich im Laufe der Zeit dem Körper anpassen– „und dann normal mitwachsen“, sagt Oliver Amon. Die Ärzte sind optimistisch: Gaetano habe eine 80- bis 90-prozentige Überlebenschance. Die kommenden zwei Wochen aber gelten als kritisch. Habe Gaetano die überstanden, sehe alles gut aus.

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