Berlin : Neue Mode braucht Russland

Die Berliner Messe Premium expandiert nach Moskau. Davon profitieren auch hiesige Designer.

Grit Thönnissen

Ob die Russen cool genug sind, um Berliner Luxus zu verstehen? Leyla Piedayesh ist sich da nicht so sicher. Seit drei Jahren verkauft sie ihre Mode unter dem Namen LaLaBerlin in Los Angeles, Tokio, Mannheim und natürlich Berlin. Die Designerin sitzt in ihrem Laden in der Mulackstraße in Mitte zwischen fein gestrickten Kaschmirpullovern, weichen Mohairschals und Sweatshirts mit aufgedruckten Totenköpfen und bereitet ihre Reise nach Russland vor. Sie wirkt ein kleines bisschen aufgeregt. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal nach Moskau fährt, Piedayesh will dort auch gleich ihre Kollektion für Frühjahr und Sommer 2007 verkaufen.

Möglich macht es die Berliner Messe Premium, die seit 2003 zweimal im Jahr Modemarken und -händler aus der ganzen Welt an der Spree zusammenbringt, um Kleider, Schuhe und Schmuck zu zeigen und anzuschauen. Jetzt versuchen die Premium-Veranstalter Anita Bachelin und Norbert Tillmann das erste Mal ihr Glück in Moskau: Von heute an bis Freitag läuft die Modemesse „Red“ als eine Art Premiumfiliale in der Nähe des Roten Platzes.

Eines der Argumente, warum Berlin ein ziemlich visionärer Standort für diese Branche sein könnte, war immer auch die Nähe zu Osteuropa. Aber was nützt es, wenn man das Tor zum Osten ist und keiner geht durch? Deshalb begannen Anita Bachelin und Norbert Tillmann vor einem Jahr zu recherchieren. Und sie stellten schnell fest: Die Russen sind hungrig auf Konsum, haben jede Menge Stil und Haltung und geben gern Geld für teure Produkte aus – vorausgesetzt, sie gehören zu der Oberschicht Russlands.

Die wohl wichtigste Erkenntnis ihrer Reisen nach Odessa, St. Petersburg und Moskau aber war: Der Bedarf an Mode ist viel größer als das Angebot. Deshalb eröffneten die Premiummacher im April ein Büro in der russischen Hauptstadt und fingen an zu organisieren. Denn dass die Russen nicht nach Berlin kommen, um neue Mode zu suchen, bedeutet nicht, dass der Weg in die andere Richtung leichter fällt. Viele Aussteller aus Westeuropa und den USA hegten Zweifel, ob sich der aufwändige Papierkram wie das Deklarieren jeder einzelnen Socke und das Ausfüllen der Visaanträge für alle Mitarbeiter lohnen würde. Wie auch Leyla Piedayesh stellten sich andere Designer die Frage: Wie offen sind die Russen für kleinere, unbekannte Label? Und wollen die meisten nicht bloß die großen, glitzernden Luxuslabel wie Prada und Gucci?

Darauf reagiert Anita Bachelin inzwischen etwas ungehalten: „Das sind Klischees, die hauptsächlich in Berlin existieren, weil auf dem Kurfürstendamm vor allem Russen in den teuren Designerläden einkaufen.“ Nein, der russische Markt mit seinen vielen Millionenstädten warte nur darauf, dass endlich auch die exklusiven Jeansmarken aus den USA, die Sportswear von Nike bis Umbro und die vielen kleinen Designerlabels mit ihren Produkten präsent seien.

Von denen gibt es inzwischen eine ganze Menge in Berlin – auch weil viele Modeschulenabsolventen ihre Diplomkollektion auf der Premium präsentieren konnten. Nicht nur Leyla gehört zu jenen, die sich jetzt sicher genug für den unbekannten russischen Markt fühlen. Auch die Designerinnen von Sisi Wasabi, Macqua, Majaco und die Turnschuhmarke Zeha kommen aus der deutschen Hauptstadt.

Ganz so groß wie die Berliner Veranstaltung mit 600 Marken soll die „Red“ trotzdem nicht ausfallen. Schließlich sollen die russischen, ukrainischen und aserbaidschanischen Einkäufer ja zur nächsten Modeveranstaltung im Januar 2007 nach Berlin gelockt werden. „Die Einkäufer lernen schnell und wollen da sein, wo es cool ist“ – Anita Bachelin meint damit Berlin.

Deshalb bekommt das Designnetzwerk „Create Berlin“, das vom Berliner Senat unterstützt wird, auch gleich am Eingang der Messehalle „Gostiny Dvor“ einen 200 Quadratmeter großen Stand gesponsert. Eine richtige kleine Berliner Leistungsshow soll da aufgefahren werden – mit Brillen von Mykita, Schmuck von Biegel, Tapeten von PvanB und Stühlen von Werner Aisslinger. Hier geht es einmal nicht ums Geschäftemachen, „Create Berlin“ will den Russen einfach zeigen, was für schöne und praktische Dinge in Berlin gemacht werden.

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