Berlin : Neue Nachteulen

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

lange Nächte jenseits der Leidenschaft

Heinrich Heine hätte sich auf die schöne neue Zeit vermutlich folgenden Reim gemacht: „Denk ich ans Shoppen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.“ Der gute Mann entstammte noch einem Jahrhundert, als schon von Sanktionen bedroht war, wer nur ein bisschen Gedankenfreiheit forderte. Heute hingegen geht es vor allem um unbeschränktes Kaufen, tagsüber sowieso und nun auch noch bis weit in die Nacht. Sie galt bisher als die Tageszeit, die der dionysischen Seite des Menschen zuzurechnen war, stand für Sinnenlust, Rausch und anschließenden Kater. Indirekt stimmt das noch immer, aber was ist geblieben? Der Kaufrausch – und die Ernüchterung des leeren Geldbeutels. Obwohl, dies sei zugegeben, das Mitternachtsshoppen ja nur als epigonales Phänomen gelten kann, eine merkantile Version der Langen Nacht der Museen und gar nicht mal die, welche sich vom dionysischen Ursprung am weitesten entfernt hätte. Denn während man in der WestCity immerhin der Konsumlust frönte, war in Lichtenberg – Lust, lass nach! – zur Langen Nacht der Wohnungsbesichtigung gebeten worden, ausgerechnet in der Nacht, der dank Zeitumstellung eine ganze Stunde fehlte. Dies die neueste Variante der um sich greifenden Sitte, die Nacht zum Tage zu machen, aber garantiert nicht so, wie sich das frühere Generationen von Nachteulen je hätten träumen lassen. Wohin soll das führen? Zur langen Nacht der Waschsalons? Der Arbeitsämter? Der Wagenpflege? Oder wird doch noch mal eine Lange Nacht der Puffs ausgerufen? Im letzten Jahr ist sie gescheitert. Fürwahr, eine lustfeindliche Zeit.

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