Neue Nationalgalerie und Co. : Der lange Endspurt

Berlin, die Hauptstadt der Improvisation, erlebt mal wieder eine nervige Bastel- und Bauphase. Wichtige Museen sind für Jahre geschlossen. Doch die Kulturbaustellen eröffnen auch Aussichten – und es gibt viel versprechende Pläne.

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Wohin geht's? Die sanierungsbedingte Schließung der Neuen Nationalgalerie ist keine schlechte Nachricht. Sie zeigt: Da ist was in Bewegung.
Wohin geht's? Die sanierungsbedingte Schließung der Neuen Nationalgalerie ist keine schlechte Nachricht. Sie zeigt: Da ist was in...Foto: dpa

So viel Aufmerksamkeit wie in den letzten Wochen hat die Neue Nationalgalerie lange nicht erfahren. Das macht der Abschiedsschmerz. Fünf Jahre lang soll das Haus geschlossen bleiben für die Renovierung. Die Kraftwerk-Konzerte Anfang Januar werden die gläserne Halle von Mies van der Rohe noch einmal erhellen; dann gehen die Lichter aus. Wie im Pergamon-Museum, das Ende September in einen langen Erneuerungsschlaf gefallen ist. Wie in der Berlinischen Galerie; dort allerdings sollen die technischen Probleme bis Mai 2015 behoben sein.

Man könnte meinen, Berlin macht dicht, verrammelt seine Kunsthäuser. Es kommen ja immer mehr Touristen in die Stadt, wohin soll das noch führen? Überfüllung wie in Paris und Venedig wollen wir hier schließlich nicht, oder?

Die Schließungen sind ärgerlich. Blöder Zufall, dass es zugleich drei signifikante Adressen trifft. Die Berlinische Galerie war zuletzt ein Zuschauermagnet, das Pergamon-Museum kennt jeder Busfahrer in Europa. Wir sind hier aber nicht am neuen Flughafen. Und auch nicht in der Mall of Berlin, die trotz schlampiger Bautechnik geöffnet bleibt. Die Kulturbaustellen eröffnen Aussichten. Dass die Museumsinsel ein Jahrhundert-, wenn nicht ein Zwei-Jahrhundertprojekt ist, lässt sich ja nicht leugnen. Das hat viel mit preußischer und überhaupt deutscher Geschichte zu tun. In gut zehn Jahren soll, man wagt es kaum zu denken, das Ganze einmal fertig sein, also 2025 oder 2026. Das Humboldt-Forum könnte dann schon eingespielt sein, es soll 2019 eröffnet werden. Wenn man sieht, wie dieser Bau wächst, klingt es fast realistisch.

In den Schließungen liegt eine Chance. Wenn alles glatt läuft

Berlin, die Hauptstadt der Improvisation, erlebt mal wieder eine intensive Bauphase. Im Grunde ist das seit 1989/90 permanent der Fall. Aber es gibt Zeiten, in denen das Unfertige, das Baustellenwesen besonders stark empfunden wird. Das frustriert. Man hat das Gefühl, ewig auf der Stelle zu treten. Am Kulturforum sowieso: ein Treppenwitz von Stadtplanerei und Museumslandschaftsbau. Seit Jahrzehnten eine Katastrophe.

Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Der Bundestag hat 200 Millionen Euro für den Neubau eines Museums der Moderne bereitgestellt. Es war eine der großen Neuigkeiten des verflossenen Jahres. Mit der – renovierten – Neuen Nationalgalerie könnte das einmal ein fabelhaftes Ensemble bilden.

Deshalb liegt in der Schließung eine große Chance. Wenn das Land Berlin mitzieht und das Prozedere – Ausschreibung, Wettbewerb etc. – glatt läuft. Am Kulturforum ist so viel schief gelaufen, dass es eigentlich nur noch gut werden kann.

Historisch betrachtet, setzt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu einem Schlussspurt an. Was ewig währt oder überhaupt nie angefasst wurde, steht jetzt auf der Tagesordnung. Aus dem Tanker wird nicht über Nacht ein Schnellboot, aber die Schlagzahl hat sich erhöht. Die Erwartung ist, dass mit dem Humboldt-Forum ein neuer Geist in die von Partikularinteressen geprägten Institutionen und Hierarchien einzieht. Also eine Reform, wenn nicht Revolution von oben – das hat in Preußen Tradition, wenn man an die Bildungsreform Wilhelm von Humboldts und die Herren Stein und Hardenberg denkt.

Wenn alle die Zeichen erkannt haben: Fehlt nur noch der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller. Hat er sich schon mal zu einem Thema der Kultur geäußert? Vergangene Woche eröffnete er zusammen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg. Das war ein Pflichttermin, auch dort wurde zwei Jahre lang saniert.

Michael Müller ist wohl noch nicht dazu gekommen, sich näher mit der Kultur seiner Stadt zu beschäftigen. So neu ist er im Amt – zu einer Zeit, in der man frischen Wind über den Baugruben und Planungsbrachen der Berliner Kultur spürt. Er geht von Monika Grütters aus, er wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihren Präsidenten Hermann Parzinger nicht unbeeindruckt lassen. Und dem Neuling Müller bietet das Momentum des Aufbruchs ein günstiges Entree. Wenn es ihn interessiert.

Dieser Text erschien als Rant in unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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