Berlin : Neue Nebenwirkung: Zigaretten schaden auch der Karriere

Die EU stärkt Unternehmen, die bevorzugt Nichtraucher einstellen wollen. Doch die meisten Berliner Chefs setzen auf andere Werte

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Einige Chefs sind es einfach leid – den Gestank, die Streitereien unter den Kollegen, die vielen Raucherpausen. „Es gibt bei Einstellungen durchaus eine Bevorzugung der Nichtraucher“, sagt Günter Päts vom Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg. Diese Praxis ist von der EU abgesegnet worden: Demnach dürfen Unternehmen Raucher bei der Jobvergabe ablehnen. Auch eine Stellenanzeige mit dem Zusatz „Raucher brauchen sich nicht zu bewerben“ verstoße nicht gegen die EU-Antidiskriminierungsgesetze.

Berlin gilt als Hauptstadt der Raucher. Hier raucht etwa jeder Dritte – bundesweit ist es etwa nur jeder Vierte. Auch, wenn den Rauchern ein deutlich höherer Krankenstand nachgesagt wird, hat der Trend im Einzelhandel offenbar nicht auf die anderen Branchen übergegriffen. In den meisten großen Berliner Unternehmen – wie beispielsweise der Deutschen Bahn, BMW, Siemens, DaimlerChrysler, Alba und der Charité – scheint es ein friedliches Miteinander von Rauchern und Nichtrauchern zu geben. „Das spielt bei der Einstellung keine Rolle“, sagt Uwe Herz von der Deutschen Bahn (19 000 Beschäftigte in Berlin). Es gebe spezielle Raucherecken, rauchfreie Zeiten in den Kasinos und wenn sich zwei Raucher ein Büro teilen, dürfen sie auch dort zur Zigarette greifen. Beim BMW-Motorradwerk in Spandau heißt es: „Neben der Qualifikation sind Teamfähigkeit und soziale Kompetenz wesentliche Einstellungskriterien.“ In der Produktion seien Zigaretten aus Sicherheitsgründen ohnehin verboten, in der Verwaltung regeln die Mitarbeiter die Rauchfrage unter sich im Team. Und bei Siemens (knapp 14 000 Mitarbeiter) sagt Sprecherin Ilona Thede: „Wir setzen auf Toleranz.“ Es gebe im Haus Raucherecken, auch ohne Reglementierung sei der Tabakkonsum in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. „Wir haben überhaupt keine Probleme“, sagt auch Martina Lobnow, Sprecherin des Berliner Werkes von DaimlerChrysler in Marienfelde ( 3400 Mitarbeiter). Der Streit um die Zigarette – erst kürzlich hat die Berliner Industrie- und Handelskammer ihre Unternehmen dazu befragt – und war selbst überrascht von dem Ergebnis: „Das ist offenbar eher ein theoretisches Problem“, sagt Sprecherin Christine Müller-York. In der Regel gelinge es den Betrieben und Personalräten, eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden. Keines der befragten Unternehmen habe über gerichtliche Auseinandersetzungen berichtet. Was nach Aussage der Polizeigewerkschaft auch im öffentlichen Dienst ganz gut gelingt: „Wir sind ständig um einen Interessenausgleich zwischen Rauchern und Nichtrauchern bemüht.“

Die Tage der letzten Raucherecken und -zimmer in Berlins Krankenhäusern, Amtsstuben und Behörden sind trotzdem gezählt: Ab 2008 soll in Berlin Rauchverbot in allen öffentlichen Einrichtungen gelten. Dass die „legale Sucht“ durch EU-Recht nicht extra geschützt wird, trifft in der Gesundheitsverwaltung eher auf Zustimmung. Wenn ein Raucher darauf bestehe, alle Stunde zur Zigarette zu greifen, dürfe er sich nicht wundern, wenn ein anderer Kandidat den Zuschlag erhalte. „Ein Arbeitnehmer kann verlangen, dass an der Arbeitsstätte nicht geraucht wird – alles andere ist privat“, sagt Behördensprecherin Roswitha Steinbrenner. du-/kf

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