Neue Offenheit : 22 Schul-Inspektionsberichte bereits im Netz

Der Inspektionsbericht des Friedrichshainer Andreas-Gymnasiums verursacht Streit. Darin geht es auch um Baumängel, doch die Schule will nicht für Dinge geradestehen, die sie nicht zu verantworten hat.

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Das Andreas-Gymnasium mit seinem halb renovierten Turm.
Das Andreas-Gymnasium mit seinem halb renovierten Turm.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als die Schulinspekteure eines Wintermorgens in das Friedrichshainer Andreas-Gymnasium kamen, war erst einmal Gruseln angesagt: der Hof nur schummerig beleuchtet von einer einzigen Lampe, drinnen rieselten Staub und abblätternde Farbe – und über alledem thronte ein geflicktes Dach samt halb saniertem Türmchen, das mangels Fluchtweg nicht als Klassenraum genutzt werden kann.

Was im armen Berlin mit seinen maroden Schulen früher eher unterging, soll am heutigen Donnerstag öffentlich diskutiert werden: Schulleiter Andreas Steiner hat sich entschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten und die Vorstellung des Inspektionsberichts vor Journalisten zu kommentieren. Denn er sieht nicht ein, dass seine Schule für Dinge geradestehen soll, die sie nicht zu verantworten habe. „Wir haben bei der Besucherfreundlichkeit schlecht angeschnitten, weil es auf dem Schulhof so dunkel ist“, nennt Steiner einen Negativbefund des Inspektionsberichts. Das ist aber nur ein minimaler Aspekt auf einer langen Liste von Beanstandungen der traditionsreichen Schule gegenüber dem Bezirksamt.

„Unser Schulhof staubt extrem, aber die Klassenräume werden nur alle zwei Tage gewischt, und unsere Smartboards gehen kaputt, weil sich überall der Schmutz reinsetzt“, beschreibt Steiner das Dilemma mit dem alten Hofbelag. Außerdem blättere die Farbe in der frisch gemalerten Mensa ab, „weil das alte Gemäuer nicht richtig trockengelegt wurde“. Im Keller müssten wegen der Feuchtigkeit Tag und Nacht die Pumpen laufen. Und zu allem Überfluss wurden die Bauarbeiten im romantischen Turm abgebrochen, weil ein Fluchtweg fehlt. Alles Dinge, für die seine Schule nichts könne.

Steiners Offensive ist eine Folge der neuen Transparenz, die der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) den Schulen verordnet hatte. Sie müssen nämlich seit diesem Schuljahr damit leben, dass ihre Inspektionsberichte nicht mehr geheim bleiben. Laut Bildungsverwaltung stehen bereits 22 Inspektionsberichte im Netz, und ständig werden es mehr: Knapp 100 Schulen wurden bereits inspiziert, seitdem die neue Transparenzverordnung gilt. Bevor die Berichte veröffentlicht werden, haben die Schulen noch rund drei Monate Zeit, auf die Befunde zu reagieren.

Zu den Schulen, die sich bereits mit positiven Berichten schmücken, gehört das John-Lennon-Gymnasium in Mitte. „Die Schulinspektion stellte der Schule ein hervorragendes Zeugnis aus!“ steht an herausgehobener Stelle auf der Homepage der Gymnasiums. Von dort aus kommt man direkt zum 50-seitigen Bericht. Auch die Martin-Buber-Schule in Spandau ist „voll zufrieden mit dem Ergebnis“ – ebenso wie die Bertolt-Brecht- Schule in der Spandauer Wilhelmstadt. Ihre Schulleiter loben, dass die Inspekteure wesentlich offener mit den Schulen umgehen als bei der ersten Inspektionsrunde, die 2006 begonnen hatte.

Weniger auskunftsfreudig sind naturgemäß die Schulen, die schlecht abschneiden. Ein Lichtenberger Schulleiter hat sich krank gemeldet. Dem Vernehmen nach werden sich die Berater von „Pro Schul“ um die Schule kümmern.

Was die baulichen Mängel am Andreas-Gymnasium anbelangt, ist allerdings keine vollständige Rettung in Sicht. Falls es wahr werde mit den zusätzlichen Sanierungsmitteln aus dem Landeshaushalt, dann würden damit erst einmal eine gesperrte Turnhalle und marode Toiletten an anderen Standorten repariert, stellt Schulamtsleiterin Marina Belicke mit Hinweis auf das „große Defizit im Bezirkshaushalt“ klar. Die 300 000 Euro für die Nutzung des Turmes als Klassenraum samt zusätzlichem Fluchtweg seien nicht vorhanden. Einen kleinen Trost hat sie jedoch: „Der Schulhof hat Priorität.“ Und das Dach wird auch vollständig saniert. Nur eben nicht sofort, sondern nach und nach. Susanne Vieth-Entus

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