Berlin : Neue Praxen unerwünscht

Kassenärzte planen Zulassungsstopp für Berlin

Ingo Bach

Berlin droht eine Abwanderungswelle der Ärzte aus der Innenstadt in die wohlhabenen Außenbezirke. Denn die Kassenärztliche Vereinigungen (KV) planen die Abschaffung der innerstädtischen Grenzen für niedergelassene Mediziner. Aus den bisher zwölf Regionen soll nur noch eine für die gesamte Stadt werden. Das Ziel der KV: Es sollen sich keine weiteren Ärzte mehr in Berlin ansiedeln dürfen. Denn in den meisten Gebieten gibt es bereits viel zu viele Praxen – und die würden dann mit den unterversorgten Gegenden aufgerechnet. Die Änderung könne noch in diesem Jahr beschlossen werden, sagt Dusan Tesic, Hauptgeschäftsführer der Berliner KV.

Mit diesem Vorstoß legt sich die KV mit der Senatsgesundheitsverwaltung an. Staatssekretär Hermann Schulte-Sasse befürchtet weiße Flecken bei der ärztliche Versorgung in der Stadt, weil die Mediziner mit ihren Praxen dann ungehindert innerhalb des Stadtgebietes umziehen könnten.

Dabei locken vor allem jene Bezirke, in denen besonders viele wohlhabende, sprich Privatpatienten wohnen. Denn die werden bei ständig sinkenden Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, für die Mediziner immer überlebenswichtiger. „Dann könnte die Gefahr bestehen, dass sich die Ärzte aus den Bezirken mit wenigen Privatpatienten wie Kreuzberg oder Neukölln zurückziehen und in die reicheren Bezirke wie Zehlendorf abwandern“, sagt Schulte-Sasse.

Nach der bisherigen Regelung müssen die Ärzte in dem Bezirk bleiben, in dem sie eine Praxis ergattern konnten. Dadurch besitzt die KV ein wirksames Steuerungsinstrument, mit dem die Mediziner in bedürftige Regionen umgeleitet werden können. So fehlen in Pankow Neurologen, in Neukölln Haus- und Augenärzte oder in Spandau Gynäkologen. Allerdings könnte das Land Brandenburg, in dem schon jetzt ein Ärztemangel herrscht, von der Reform profitieren. Denn so mancher frustrierte junge Mediziner, den die Hauptstadt abgewiesen hat, lässt sich vielleicht im Nachbarland nieder, so das Kalkül der KV. „Das wäre ein willkommener Nebeneffekt der Umstellung“, sagt Geschäftsführer Tesic.

Die Mediziner, die das Glück hatten, in Berlin einen Praxissitz zu finden, müssen durch die Reform nicht um ihre Zulassung fürchten. Tesic: „Die bestehenden Praxen genießen Bestandsschutz und können auch verkauft werden, wenn der Inhaber in den Ruhestand geht.“

Gesundheitsstaatssekretär Schulte-Sasse vermutet hinter dem Reformeifer noch einen anderen Grund. Dies sei wohl auch eine Reaktion auf die geringe Beteiligung am jetzt ausgesetzten Ärztestreik. Die KV musste einen komplizierten Dienstplan erarbeiten, damit auch während des Streiks kurze Wege garantiert blieben. „Aber wenn es nur eine Planungsregion gibt, dann könnten die rzte in Zukunft ganze Bezirke schließen, ohne dass die gesetzlich vorgeschriebene Versorgungssicherheit gefährdet wäre." Dann könnten die Aufsichtsbehörden nicht mehr eingreifen.

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