Berlin : Neue Spaßigkeit

FRANZISKA MICHAEL mag Farben, Muster, Humor – ein Kontrast zur neuen Berliner Sachlichkeit.

Lisa Strunz
Die Tenniskollektion. Schlichte Silhouetten,
Die Tenniskollektion. Schlichte Silhouetten,

Franziska Michael trägt hübschen, roten Nagellack auf den Zehennägeln. Das fällt sofort auf, als sie die Tür zu ihrem kleinen Atelier in Kreuzberg öffnet, weil sie barfuß dasteht und ansonsten überraschend schlicht angezogen ist: schwarze Hose, weißes Tanktop, blaues Jeanshemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Ihre blonden Haare hat sie zu einem Dutt zusammengedreht. „Ich weiß, ich weiß“, sagt sie. „Die Leute denken immer, ich würde viel bunter herumlaufen. Aber das ist wie bei einem Bäcker: Der isst auch nicht jeden Tag seine eigenen Brötchen.“

Franziska Michael hat 2009 ihr eigenes Label gegründet und entwirft sehr farbige, sehr gemusterte und sehr avantgardistische Mode. Für ihre Sommerkollektion 2014 hat sie sich zum Beispiel vom Tenniskult der neunziger Jahre inspirieren lassen, rostrote Baumwolle zu neongrünem Neopren kombiniert und mit Collagen aus Tennisbällen und weißen Markierungslinien bedruckt.

In ihrem Atelier hängen neben den aktuellen Entwürfen auch noch ein paar Teile aus den letzten Saisons. Ein flauschiger Mantel aus rotem Kunstpelz ist darunter, eine moosfarbene Radlerhose aus ge-

stepptem Jersey, Blusen mit psychedelischen Mustern und ein Cape aus Holzkugelketten, wie sie normalerweise von Taxifahrern als Sitzunterlage genutzt werden.

Vor zehn Jahren, als ein paar erste Jungdesigner nach Berlin kamen und sich – wie zum Beispiel Clara Leskovar und Doreen Schulz vom Label C. Neeon – an wilden Drucken und experimentellen Schnitten versuchten, hätte man sich über die Mode von Franziska Michael wahrscheinlich nicht weiter gewundert.

Inzwischen sind jedoch Designer wie Michael Sontag, Hien Le, Sissi Goetze oder Tutia Perret und Johanna Schaad dazugekommen, die mit gedeckten Farben und geradlinigen Schnitten einen puristischen, fast nüchternen Stil geprägt haben. In der Presse wurde er als „Neue Sachlichkeit“ beschrieben und hochgelobt: Endlich hat Berlin ein Gesicht! Franziska Michael fällt da ziemlich aus der Reihe.

Geplant hat die 29-Jährige das nicht. Sowieso ist sie nicht der verrückte Rebell, den man hinter ihrer Mode durchaus erwarten könnte. Sie redet ruhig und bedacht, wirkt auf angenehme Art zurückhaltend und gesteht, oft große Zweifel gehabt zu haben: „Ich mag Ecken und Kanten, es kann ruhig auch mal anders aussehen. Aber wenn ein bestimmter Stil in einer Stadt so vorherrschend ist, fragt man sich schon manchmal: Passe ich überhaupt hierher?“

Schon an der Modeschule Esmod, wo sie von 2006 bis 2009 studiert hat, sei ihr aufgefallen, dass Studenten, die Schwarz, Weiß und Hauttöne einsetzten, von den Dozenten die besten Noten bekamen. Am Ende entschied sie trotzdem, dass Farben und Muster nun mal ihr Ding sind. Heraus kam eine knallrote Diplomkollektion mit 3-D-ähnlichen Schnitten.

Ihr Mut zahlte sich aus: Kurz nach ihrem Abschluss bekam Franziska Michael erste Anfragen von Stylisten, die ihre Entwürfe für Foto-

shootings ausliehen, und so ging es Schritt für Schritt weiter. Hier ein Showroom, da eine Präsentation, dort eine Veröffentlichung, sogar Einladungen zu Modeveranstaltungen in New York und Maastricht flatterten in ihr Postfach.

Im Dezember 2012 erhielt sie schließlich die Zusage für ihre erste Studiopräsentation auf der Berliner Fashion Week, im vergangenen Sommer folgte die zweite, kurz darauf gewann sie den Nachwuchspreis der Modemesse Premium in der Kategorie „Womenswear“. Im Preis enthalten ist ein Stand auf der nächsten Premium sowie die Möglichkeit, zwei Outfits im Schaufenster des Berliner Galéries Lafayette auszustellen.

Dass ihre Mode von Anfang an so gut ankam, scheint Franziska Michael selbst ein wenig zu überrascht zu haben. „Ich hatte eigentlich gar nicht vor, mich gleich nach der Ausbildung selbstständig zu machen.“ Ist nach all der Sachlichkeit in der deutschen Mode vielleicht nun gerade das wieder gefragt: Farben, Muster, ein wenig Humor? In jedem Fall habe sich die Wahrnehmung verändert, glaubt Franziska Michael. „Man hat sich heute viel schneller an Dingen sattgesehen als früher. Es ist gar nicht so leicht, die Leute noch zu begeistern.“

Inzwischen entwirft sie deswegen für ihre Kollektionen – seit dem Winter 2013 entwirft sie auch für Männer – ganz bewusst immer auch ein paar außergewöhnliche Teile. Sie setzt auf Dinge, die im Kopf bleiben, wie zum Beispiel die weißen Crocs, also ziemlich hässliche Plastikschuhe, die sie den Models bei ihrer letzten Präsentation anzog. Franziska Michael lacht, als sie sich daran erinnert. „Ich glaube, damit habe ich die Gemüter ganz schön gespalten.“

Gleichzeitig hat sie ihre Kollektionen tragbarer und vielfältiger gemacht. Während ihre ersten Kollektionen aus nur wenigen, sehr avantgardistischen Teilen wie eben dem Taxicape bestanden, enthält die Tenniskollektion bereits 25 Teile.

Die Silhouetten der Tenniskollektion wirken schlicht und schnörkellos. Gegen das neongrüne Neopren ist schwarzer Stoff genäht, so dass die grelle Farbe etwas milder erscheint. Die kleinen Tennisbälle und weißen Linien sind nicht wild auf den Stoff gedruckt, sondern in kunstvollen Strukturen angelegt.

„Am Ende muss man ja auch etwas verkaufen“, sagt Franziska Michael und offenbart einen ziemlich realistischen Blick auf die Modewelt. Sie erzählt vom finanziellen Druck, dem man als Jungdesigner ausgesetzt ist, vom Kommen und Gehen in der Branche, das sie beobachtet hat und absolut nachvollziehen kann, von der Schwierigkeit, sich am Anfang um alles allein kümmern zu müssen, um das Kreative, um die PR, um die ganzen Zahlen. „Eigentlich hätte man auch noch BWL studieren müssen, damit man weiß, wie das alles funktioniert.“

Noch macht Franziska Michael fast alles selbst, näht sogar ihre Kollektionen. Doch seit April hat sie eine PR-Agentur, die ihr die Pressearbeit abnimmt. Nun möchte sie sich stärker auf den Vertrieb konzentrieren und neben den beiden Onlineshops, in denen sie ihre Mode bereits verkauft, auch noch Ladengeschäfte finden. Nicht unbedingt in Berlin – ein guter Standort für ein Label, weil man mit wenig Mitteln viel auf die Beine stellen kann, aber Geld verdienen lässt sich hier nicht –, sondern in London, New York oder Japan, wo die Leute sich mutiger kleiden als in Deutschland.

Und in zehn Jahren, wo sieht sie sich da? „Ich hoffe, dass es weitergeht. Dass meine Sachen irgendwann weltweit verkauft werden und ich davon leben kann“, sagt Franziska Michael. So ausgefallen das eine oder andere Teil dabei auch sein wird – die Designerin steht mit ihren rot lackierten Zehen fest auf dem Boden. Das ist in der Modebranche eine gute Voraussetzung.

www.franziskamichael.com

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