Berlin : Neue Strategie: Migranteneltern müssen mitmachen

Beim ersten multikulturellen Schulkongress forderte der Integrationsbeauftragte ein „Bündnis“

Claudia Keller

Fast die Hälfte aller Kinder unter sechs Jahren in Berlin kommen aus einer Einwandererfamilie. Das hat eine neue Statistik der Bildungsverwaltung ergeben. „Diese Kinder sind ein Teil unserer Gesellschaft, sie sind unsere Zukunft“, sagte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern bei der Eröffnung des ersten Berliner Elternkongresses. Damit die Kinder aus den Einwandererfamilien besser gefördert werden, müssten Schulen, Migrantenverbände und Eltern an einem Strang ziehen, sagte Böger.

Um das zu erreichen, hatten die Bildungsverwaltung und 40 Migranten- und Wohlfahrtsverbände gestern Eltern ins Abgeordnetenhaus eingeladen, um in Podiumsgesprächen und Diskussionsforen sich über Erziehungsprobleme auszutauschen und Lösungen zu finden. Mehr als 500 Eltern, Lehrer und Schüler sind der Einladung gefolgt. Zu den einladenden Organisationen gehörten türkische und arabische Vereine wie auch russische, vietnamesische und griechische Elterngruppen. Der Elternkongress soll keine einmalige Aktion sein, sondern sich in ähnlicher Form jährlich wiederholen. „Wir wollen von einer Kooperation zu einem strategischen Bündnis mit mehr Verbindlichkeit zwischen Eltern, Migrantenvereinen und den Schulen kommen“, sagte Günter Piening, der Integrationsbeauftragte des Senats.

„In der Türkei geht man als Eltern mit der Schule vollkommen anders um“, sagte Safter Cinar vom Türkischen Elternverein in Berlin. Dort werde die Schule mit dem Staat und somit mit höchster Autorität gleichgesetzt. Man liefere die Kinder dort ab und kümmere sich nicht weiter um die Bildung. Dass es in Deutschland viel mehr Mitwirkungsmöglichkeiten gibt, und dass dies auch erwartet wird, wüssten die wenigsten.

Tatiana Lima Curvello vom Verband binationaler Familien sagte, dass sie mit Berliner Lehrern über die Noten ihrer Tochter verhandeln wollte. Dass die Lehrer entsetzt über ihren Vorschlag waren, die schlechte Deutschnote etwas aufzubessern, schließlich sei das Kind doch in Mathe sehr gut, konnte sie zunächst nicht verstehen. In ihrem Heimatland Brasilien seien die Schulnoten selbstverständlich Verhandlungssache.

Thúy Nonnemann vom Berliner Migrationsrat berichtete von bildungsbewussten vietnamesischen Eltern, die ihre Kinder oft überforderten, weil diese nicht nur in der Schule die besten Noten bringen müssten, sondern auch im Geschäft der Eltern mitarbeiten müssten. In letzter Zeit habe es mehrere Selbstmorde unter vietnamesischen Jugendlichen in Berlin gegeben, die zur Sorge Anlass geben würden.

In zehn Foren konnten sich Eltern bei Psychologen, Soziologen und Pädagogen Rat holen über so unterschiedliche Themen wie „Wie kann mein Kind die Familiensprache und Deutsch lernen?“, „Wie kann ich mein Kind in der Grundschule unterstützen?“, „Wie kann ich den Kontakt zu meinem Kind in der Pubertät verbessern?“ Einig waren sich viele Väter und Mütter, dass der schulische Erfolg der Kinder auch entscheidend davon abhängt, ob sich die Eltern auf Deutschland einlassen. „Wer auf gepackten Koffern sitzt, gibt seinen Kindern keine Perspektive“, sagte eine russische Mutter.

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