Neue Studie: So wird Berlin im Jahr 2030 : Die Megatrends der 4-Millionen-Metropole

In Berlin leben im Jahr 2030 vier Millionen Menschen. Eine Studie sagt jetzt: Der Senat muss auf die "Megatrends" setzen und Berlin eine lebenswerte digitale Fahrradstadt werden.

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Vergängliches Nirgendwo. Matthias Koeppels Gemälde „Zukunft der Metropole Berlin“ von 1991.
Vergängliches Nirgendwo. Matthias Koeppels Gemälde „Zukunft der Metropole Berlin“ von 1991.Foto: AKG

Arm aber sexy, das Bonmot des früheren Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, gilt nicht mehr - "smart und sexy" muss Berlin werden, muss mehr aus seiner Hauptstadtfunktion machen, seine Wirtschaftskraft steigern, damit sich hier auch Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung wie in München ansiedeln. Außerdem liegen große Chancen in einem Umbau des Verkehrs mit Vorrang für Fahrrad, Fußgänger und Öffentlichem Nahverkehr. Und auch die Kraft der Querulanten, die per Volksentscheid schon mal Baupläne für das Tempelhofer Feld stoppen, ist ein Bonus: "Partizipation" nennt es die Studie "Berlin 2030" vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, die eine großartige Bestandsaufnahme der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Stadt ist und ihrer Zukunftschancen bietet.

Eine "konzertierte Strategie" aller Ressorts fordert der Institutschef

"Unsere Studie soll eine Diskussion einleiten, die Politik und den Regierenden Bürgermeister erreicht und auch die Zivilgesellschaft", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, das die Zukunftsstudie vorgelegt hat. Und der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Jan Eder spricht von einem "Umsetzungsproblem" in der Stadt: In vielen Bereichen bestehe eine "Diskrepanz zwischen dem Status quo und den Anforderungen an die Hauptstadt.“ Die IHK wolle mit dem "Expertenwissen das Zukunftsbild für Berlin aktiv mitzugestalten".

Neun Megatrends arbeiten die Forscher heraus

Von den neun Megatrends, die die Forscher herausgearbeitet haben, will Institutsleiter Klingholz keinen hervorheben. Vielmehr empfehle sich eine "konzertierte Strategie", an der "alle Ressorts arbeiten und die von oben gelenkt wird". Denn alles hängt gleichsam mit allem zusammen: Weil mehr Menschen nach Berlin kommen, braucht es mehr Wohnungen, es müssen aber auch die Straßen ertüchtigt, um den zusätzlichen Verkehr aufzunehmen sowie neue Kitas und Schulen entstehen, wo die Kinder der Neuberliner Platz haben. Ist das aber bezahlbar? "Natürlich kostet es eine Menge, aber Berlin ist nicht mehr der Oberhungerleider", sagt Klingholz und verweist auf die zuletzt sprudelnden Steuereinnahmen.

Dynamische Region, aber auch hoch verschuldet

Denn Berlin zählt zu den dynamischsten Regionen Deutschlands: Die Wirtschaft wächst seit Jahren schneller als im Durchschnitt der Republik. Statt Defizite im Haushalte gab es zuletzt Überschüsse. Das liegt auch am Wachstum der Stadt: Seit 2009 nahm die Bevölkerung um 190.000 Menschen zu, die Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt wie Kassel. Doch zugleich leidet Berlin an einer veralteten Infrastruktur und einem Investitionsstau, auf den der Senat zwar mit der Bildung eines "Sondervermögens Infrastruktur der wachsenden Stadt" reagiert, der allein aber nicht ausreichen wird, um die Stadt zukunftsfähig zu machen.

Die Chancen der Globalisierung

Wie stark Berlin von der Globalisierung profitiert, zeigen die Übernachtungszahlen, die seit 2008 um 150 Prozent gestiegen sind. Die Zahl der Hotelbetten verdoppelte sich seit 2000. Viel Städtetouristen kommen, im noch wichtigeren Wettbewerb der Messe- und Kongressmetropolen muss die Stadt aber erst noch in "die erste Liga" aufsteigen, schreiben die Forscher. Gut immerhin: Berlin hat einen "zunehmend guten Ruf" unter den internationalen Investoren: der vierte Platz bei ausländischen Direktinvestitionen unter allen Bundesländern ist achtbar. Dabei hat die Stadt "kaum eine überregionale Bedeutung" bei den unternehmensnahen Dienstleistungen, die besonders hohe Wertschöpfung bringen. Hier muss die Stadt mehr aus ihrer bundespolitischen Bedeutung machen, die verbleibenden Ministerien an die Spree holen und auch stärker mit Brandenburg kooperieren.

Megatrend Reurbanisierung: Zurück in die Stadt

Immer mehr Menschen kommen nach Berlin, die Mieten steigen und das hat einen Immobilienboom ausgelöst. Ein Bauvolumen von 3,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, doppelt so viel wie vor drei Jahren. Ganze Stadtquartieren entstehen neu: die historische Innenstadt, die Heidestraße nördlich vom Hauptbahnhof, das Pankower Tor. Das Land selbst ist der größte Grundeigentümer mit einer Fläche von 890 Quadratkilometern und kann deshalb die Entwicklung steuern und befördern. Die noch geringen Mieten im Vergleich zu anderen Großstädten sind ein Standortvorteil. Das steht auf der Habenseite. Im Soll liegt die Stadt aber bei den Investitionen: mit 1,3 Milliarden Euro allein bei den Bezirken, so der Rechnungshof. Schulen, Kitas, Straßen, allenthalben fehlt es, um das Wachstum und die Reurbanisierung abzufedern. Berlin investiert von allen Bundesländern am wenigsten, so die Forscher. Und ist stark von diesen abhängig: Ein Viertel des Haushaltes sind "Transferleistungen" aus dem Länderfinanzausgleich.

Megatrend Digitalisierung - digitale Stadtviertel bauen

Das digitale Prekariat ist schon da, dieses Potenzial muss das Land aktivieren. Die Forscher schlagen dazu "Leuchtturmprojekte" vor wie die Errichtung eines "digitalen Stadtviertels" auf dem Flughafenareal Tegel, nach der Einstellung des Flugverkehrs. Ausbauen könnte der Senat auch die "Online-Bürgerdienste", indem sie die anstehende Rekrutierungswelle für diesen "strategischen Schwerpunkt" nutzt. Auch die Hochschulen sollen bei den "digitalen Themen gestärkt" werden. So könnte sich Berlin zum "Standort für digitale Dienstleistungen zur Industrie 4.0" profilieren.

Mehr Ältere, aber Berlin zieht die Jugend magisch an - Megatrend Demografie

Zum "Laboratorium für neue Formen des Zusammenlebens" müsse sich Berlin entwickeln, schreibt das Berlin-Institut. Denn auf der einen Seite steht das wachsende Heer der "jungen und fitten Alten" mit einer immer längeren Lebenserwartung (77 Jahre bei den Männern, fast 83 bei den Frauen). Auf der anderen Seite war knapp die Hälfte aller Zugewanderten zwischen 18 und 30 Jahre jung, der Zuzug ist also ein Jungbrunnen. Das Risiko liegt in dem Fortzug der ausgebildeten Erwachsenen aufgrund des geringen Einkommens in der Stadt. Das "niedrige Gehaltsniveau und oftmals unsichere Arbeitsverhältnisse" beklagen die Forscher als Nachteil im Wettbewerb der Regionen. Auch das verfügbare Einkommen (17601 Euro) liegt deutlich unter dem deutschen Mittelwert (20507 Euro). Empfehlung der Forscher: Berlin muss Strategien entwickeln, um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potenziale der Älteren zu nutzen.

Investitionsstau bei den Hochschulen - Megatrend "Wissen"

Mehr als eine Milliarde Euro müsste das Land in die Hochschulen investieren. Die Forscher fordern außerdem ein "Investitionsprogramm für Schulsanierung, Schulneubau und gezielte Fördermaßnahmen für leistungsschwache Schüler". Denn die Mehrheit der Kinder kommt aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Kinder der Flüchtlinge kommen hinzu. Auf der Habenseite sehen die Forscher die Institute und Hochschulen, deren Gründung auf private Initiative zurückgehen: das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam etwa oder die Hertie School of Governance - mehr Effizienz sei wünschenswert durch eine gemeinsame Hochschulplanung von Berlin und Brandenburg.

Hauptstadt der Fahrradfahrer - Megatrends Ökologie und Mobilität

Die Berliner Luft ist schon Legende, ganz Kreuzberg ist eine Hochburg der Grünen, aber auch für die Forscher ist die "Ökologie" ein Megatrend der Zukunft, weil alle in grünen, lebenswerten Städten leben möchten. Berlin sollte darin "Vorreiter eines umweltfreundlichen und ressourcensparenden Lebens und Arbeitens" werden und sich zum "führenden Standort von Entwicklung und Produktion nachhaltiger Technologien in Europa" entwickeln. Einige Initiativen wie der geplante Umbau des Airport Tegels in eine "Urban Tech Republic" mit Schwerpunkt auf "Stadttechnologien" könnten den Weg weisen.

Eine "grüne" Mobilität passt dazu: Ein "Großteil des Verkehrswachstums durch öffentlichen Personennahverkehr, Fahrrad und Fußverkehr zu bewältigen", nennen die Forscher als wichtiges Ziel. Dazu sollte die Stad eine umfassende Sanierung des Straßen und Radwegenetzes in Angriff nehmen, das Verkehrsinformationssystsem technisch weiterentwickeln sowie Elektromobilität und Carsharing-Modelle fördern. Wichtig vor allem: Eine "Aufstockung der Investitionsmittel für das Radwegenetz".

Mitreden bitte, liebe Berliner - Megatrend Partizipation

Die Hauptstadt als "Vorbild für ein respektvolles Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Lebensstile sowie erfolgreicher Bürgerbeteiligung" - dazu ist Berlin gleichsam gezwungen. Denn zu den Migranten der zweiten und dritten Generation, die eigentlich längst Berliner sind, gesellen sich die neuen Migranten aus Syrien und anderen Krisengebieten der Welt. Ihr Zusammenleben zu organisieren, zählt zu den größten Herausforderungen in Berlin. Vor allem müsse die Zahl der von Armut betroffenen Menschen, der Langzeitarbeitslosen und Jugendlichen ohne Berufsausbildung deutlich gesenkt werden. Dazu müsse ein "System regelmäßiger Evaluierung aller Sozialprogramme hinsichtlich ihrer Wirkung auf Erfolg" eingeführt werden und die Gelder in Projekte mit hoher Wirksamkeit gelenkt werden. Eine zusätzliche Sprachförderung zur Integration von Flüchtlingen fordert das Institut sowie eine möglichst rasche Vermittlung in Ausbildung oder den Arbeitsmarkt. Und auch eine Lehre aus den Niederlagen des Senats etwa beim Volksentscheid zu Tempelhof müsse der Senat ziehen, indem er "Bürger bei politischen Prozessen frühzeitig und umfänglich einbindet". Bürgerbeteiligung innerhalb kleinteiliger selbstbestimmter Strukturen sei anzustreben.

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