Neue Unterkunft : Roma-Familien ziehen nach Spandau um

Nach ihrer Kreuzberger Kirchenbesetzung richten sich die Rumänen nun im Asylbewerberheim ein. Ein Besuch in Spandau.

Ferda Ataman

Den Knopf zum Öffnen der Metalltür muss der Pförtner an diesem Sonnabend besonders oft drücken. Immer wieder kommen Gruppen aus Haus 3, wo die Roma aus Kreuzberg am Freitag untergebracht wurden. Sie verlassen das Gelände des Asylbewerberheims in Richtung U-Bahn, viele haben Fensterwischer in der Hand. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. Den Tag über werden sie an Straßenkreuzungen mit Ampeln Autofenster putzen oder betteln. Einige wenige gut gelaunte Männer, Frauen und Kinder bleiben in ihrem vorübergehenden Zuhause, sie räumen die Zimmer um und richten sich offenbar zum Bleiben ein.

Das Heim im Spandauer Industriegebiet hat den Charme einer heruntergekommenen Jugendherberge: Fünf Häuser mit Containeroptik stehen parallel auf dem Gelände, zusammen mit ein paar Bäumen. Über lange Flure mit PVC-Boden erreicht man die kleinen Zimmer, in denen zwei einfache Betten, ein Tisch und ein blauer Spind stehen. Auf dem Boden liegen Tüten mit Kleidern, die Roma haben bunte Wolldecken mitgebracht, die sie nun zusammenlegen und verstauen. Die kargen Wände sind löchrig, von Bildern und Postkarten, die unzählige Vorgänger mit Nägeln befestigt und später wieder mitgenommen haben. In einer kleinen Küche steht warmes Essen in Aluminiumbehältern bereit, außerdem Brötchen und Getränke in Tetrapacks.

Eigentlich sind die Roma gar keine Asylbewerber; soweit man weiß, sind sie als Touristen aus Rumänien eingereist. Am Sonntag sollen ihre Personalien aufgenommen werden. Für manche ist das Asylbewerheim die vierte Station in wenigen Tagen: Zunächst hatten mehrere Familien im Görlitzer Park geschlafen. Nachdem die Polizei sie zum Gehen aufforderte, luden ehemalige Hausbesetzer aus dem Künstlerhaus Bethanien sie ein, dort im frisch renovierten Erdgeschoss zu wohnen. Ihre Zahl stieg in einer Woche von 50 auf rund 90. Da die Räume für eine Kita vorgesehen sind, gab es lange Diskussion zwischen den Roma, ihren selbst ernannten linken Beschützern und Vertretern von Bezirk und Senat. Nach einer Woche stellten die Hausverwalter Strafanzeige, woraufhin die Roma das Gebäude am Donnerstag verließen. Einen Teil von ihnen lotsten die linken Unterstützer daraufhin in die katholische Sankt-Marien-Liebfrauen-Kirche, die sie bis Freitag besetzt hielten.

Schließlich willigten einige Familien am Freitag ein, vorübergehend in das Spandauer Asybewerberheim zu ziehen, in dem immer 100 Plätzen für „Notfälle“ bereitstehen. Der Rest der Gruppe, etwa 20 Menschen, hat die Kirche in der Nacht zu Sonnabend ebenfalls verlassen, nachdem Pfarrer Olaf Polossek ihnen erklärte, dass die Kirche keine dauerhafte Bleibe sein könne. Ein Sprecher der Roma beschimpfte ihn daraufhin und forderte seine Leute auf, zu gehen. Offenbar sind auch sie ins Spandauer Wohnheim gezogen, denn dort stieg die Zahl der Roma inzwischen auf mehr als 50. Die Linken hatten sie zuvor gedrängt, in der Kirche zu bleiben. Sie warnten davor, freiwillig in ein „menschenunwürdiges Abschiebelager“ zu gehen, und ermutigten die Roma, weiter für kostenlose Wohnungen in der Stadt zu kämpfen. „Wir hatten den Eindruck, dass sie diese Menschen für ihre politischen Ziele instrumentalisieren“, sagt Pastoralreferent Christian Andrees.

„Wir sind kein Abschiebelager“, sagt am Sonnabend ein Mitarbeiter in Spandau und ärgert sich über die Kreuzberger Linken. Einige von ihnen seien am Freitag zusammen mit den Roma gekommen und hätten alles schlechtgemacht. „Erst haben sie über das Essen gemeckert, dann haben sie es selber gegessen“, sagt er. In Spandau wohnen normalerweise Asylbewerber in den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft in Berlin. Der Zaun sei zu ihrem Schutz. „Die Bewohner können kommen und gehen, wie sie mögen.“ Einen Stacheldraht, von dem immer wieder zu lesen war, gibt es tatsächlich: An einer Seite, die zu einem Privatgrundstück gehört. „Den haben nicht wir angebracht“, erklärt der Mitarbeiter.

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