Berlin : Neue Waffen für die Polizei?: Angreifer unter Strom setzen

Werner Schmidt

Seit Jahren bemüht sich die Polizei bundesweit um neue Munition. Die bevorzugten Deformationsgeschosse, die im Körper des Getroffenen "aufpilzen", haben in Berlin bisher nur wenige Beamte. Beschafft wurde die Munition, als die Berliner Behörden gegen Kampfhunde mobil machten. Die Deformationsgeschosse können einen Angreifer stoppen, durchschlagen aber nicht seinen Körper. Sie haben den Nachteil, beim getroffenen Opfer große Wunden hervorzurufen. Der Vorteil: Die Gefahr, dass die Kugeln wie bei der herkömmlichen Munition den Körper durchschlagen und hinter dem Getroffenen stehende Unbeteiligte verletzen, ist behoben. Nach dem Willen von Sicherheitsexperten sollen Deformationsgeschosse die alte Munition langfristig ersetzen.

Zum Thema Ted: Braucht die Polizei neue Waffen? Ähnlich wird auch bei den Elektroschockpistolen argumentiert, die, wie berichtet, derzeit vom SEK getestet werden. Sie böten die Möglichkeit, einen Gegner außer Gefecht zu setzen, ohne ihn ernsthaft zu verletzen. Sie schützten folglich Leib und Leben eines Menschen - im Gegensatz zu den Projektilen aus den Polizeipistolen. Die Aggressivität gegenüber der Polizei ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber mit neuen Waffensystemen kann die Polizei auf diese gesellschaftlichen Entwicklung schlecht reagieren. Wissenschaftler haben sich mit den "Chancen der Eigensicherung" befasst und in der Zeitschrift "Deutsche Polizei" hieß es kürzlich: "Jeder Polizist kann durch sein Handeln selbst zu seiner Sicherheit beitragen". Die Beamten sollten ein "Gefahrenradar" entwickeln, schreibt der Autor Uwe Füllgrabe. Die Grundlage der Eigensicherung sei ganz einfach: "Genau hinschauen, was sich in der Situation abspielt. Dann hat man gute Chancen, von unangenehmen Überraschungen verschont zu bleiben."

"Wer mit Bauch, offener Jacke und Händen in der Hosentasche aus dem Streifenwagen steigt, hat keinen Selbstverteidigungswillen", sagte Landesschutzpolizeidirektor Gernot Piestert. Gleichzeitig hat er die Erfahrung gesammelt, dass für viele Beamte die Welt zusammenbricht, wenn sie die Schusswaffe benutzen mussten: "Sie werden mit dem Dilemma nicht fertig, dass sie womöglich ein Strafgesetz verletzt haben." Denn nach jedem Schuss, bei dem ein Mensch getroffen wurde, ermittelt zunächst die Mordkommission. Die psychische Anspannung kann bei dem Beamten bis zum Vorliegen des Ergebnisses der Mordkommission sehr groß sein.

Gleichzeitig kritisieren Gewerkschaftsvertreter die steigende Angst der normalen Streifenbeamten, deren Schießausbildung "eine einzige Katastrophe" sei. Für ausreichende Munition sei kein Geld vorhanden, aber gerade im Schießtraining mache nun mal Übung den Meister.

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