Berlin : Neue Züge auf alten Gleisen

Der Rangierbahnhof Wustermark dient zurzeit als Parkplatz für Triebwagen. Künftig soll hier ein Frachtumschlagplatz entstehen

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Auf dem Abstellgleis. 50 fabrikneue Triebwagen vom Typ „Talent 2“ stehen seit Wochen auf dem Rangierbahnhof Wustermark. Das Eisenbahnbundesamt verweigert bisher die Zulassung für die Züge, weil sie die geforderte Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h nicht erreichen. Foto: dapd/Heimann
Auf dem Abstellgleis. 50 fabrikneue Triebwagen vom Typ „Talent 2“ stehen seit Wochen auf dem Rangierbahnhof Wustermark. Das...Foto: dapd

Elstal - Der rot glänzende Triebwagen trägt die Aufschrift „Franken-Thüringen-Express“. Auf dem Rangierbahnhof Elstal vor der westlichen Berliner Stadtgrenze steht der Zug schon seit einigen Wochen, doch zwischen den eigentlichen  Bestimmungsorten sind noch nie Fahrgäste damit gefahren, ebenso wenig wie mit den zahlreichen anderen nagelneuen Triebwagen, die das Hennigsdorfer Bombardierwerk hier abgestellt hat. Den Stillstand erzwingt das Eisenbahnbundesamt, das den fabrikneuen Zügen vom Typ „Talent 2“ bisher die Zulassung verweigert. Nur hin und wieder bewegt sich der „Franken-Thüringen-Express“ einige Meter vor und zurück, um ein Einrosten zu verhindern.

Platz dafür ist ausreichend vorhanden auf dem vor nunmehr 102 Jahren als Rangierbahnhof Wustermark eröffneten Areal zu Füßen des alten Wasserturmes. 70 Gleise mit einer Gesamtlänge von rund 30 Kilometern liegen auf dem 22 Hektar großen Areal. Auf einigen wachsen schon mannshohe Birken zwischen den Schwellen, während die Schienen von Rost überzogen sind. Nur ab und zu tauchen zwischen den denkmalgeschützten Gebäuden Menschen in auffällig gelben Arbeitsanzügen auf. Es sind die Mitarbeiter der Havelländischen Eisenbahn (HVLE), die hier vor drei Jahren einen in Fachkreisen recht skeptisch beurteilten Neubeginn startete. Die Deutsche Bahn hatte den Betrieb schon geraume Zeit vorher wegen mangelnder Nachfrage eingestellt. Das Gelände, auf dem einst 1200 Beschäftigte täglich fast 2000 Güterzüge auseinandergekoppelt und neu zusammengestellt hatten, wurde zum Geisterbahnhof.

„Unsere elf Mitarbeiter nehmen sich heute im Vergleich zu damals vielleicht sehr bescheiden aus“, sagt Alexander Kulik von der HVLE. „Aber wir sind inzwischen der größte privat geführte öffentliche Bahnhof für den Güterverkehr in Deutschland.“ Dafür hat die Havelländische Eisenbahn gemeinsam mit einem Partner rund zwei Millionen Euro investiert und das „Rail & Logistik Center Wustermark“ gegründet. „In unseren Büchern stehen zwar bislang mehr als 100 Kunden“, erklärt der Vorstandschef Günther Alsdorf. „Aber finanziell haben wir jetzt die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Der Bund, der uns die Anlagen verkauft hat, behandelt uns ziemlich stiefmütterlich.“ Man brauche einfach mehr Unterstützung, zumal allein das kürzlich in Betrieb genommene Anschlussgleis an den westlichen Berliner Außenring rund 400 000 Euro kostete.

Die private Eisenbahngesellschaft will hier ein Logistikzentrum für Frachtgüter aufbauen und wirbt um Aufträge der Seehäfen in Hamburg, Bremen, Wismar und Sassnitz. Die könnten ihre Waren auf Schienen bis zum Güterbahnhof in Elstal fahren und hier ganz neue Güterzüge für alle Richtungen zusammenstellen lassen. So jedenfalls wünscht es sich die HVLE. Reserven birgt außerdem die Zusammenarbeit mit dem Güterverkehrszentrum im nahen Wustermark mit Schienen-, Autobahn- und Wasserstraßenanschluss.

Wie das praktisch läuft, zeigen die täglichen Autozüge aus Polen. Die mit jeweils 300 Fiat-Fahrzeugen beladenen Waggons zieht eine Lok der polnischen Bahn bis nach Elstal. Mit einer anderen Lok geht die Reise dann weiter bis zum Hafen in Antwerpen. Um die gesamte Abwicklung und den Service rund um die Loks kümmert sich die Havelländische Eisenbahn. Auf Dauer bringt das mehr ein als die Pachtgebühr für die etwa 50 abgestellten Expresszüge. Denn die sollen nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) „möglichst bald“ dem Bahnverkehr zur Verfügung stehen. Bislang verhindert ein Softwareproblem das Erreichen der von der Bahn geforderten Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometer pro Stunde statt der jetzt nur möglichen 140 km/h. Claus-Dieter Steyer

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