Berlin : Neuer Brandbrief: Auch Grundschulen rufen um Hilfe

Die Hilferufe der Lehrer hören nicht auf. Nach den Hauptschulen fordern jetzt auch Grundschulen Sozialarbeiter wegen Problemen mit gewaltbereiten Schülern. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will nun versuchen, Überhang-Erzieher aus dem Stellenpool gezielt in Grundschulen in sozialen Brennpunkten einzusetzen.

Der aktuellste Brandbrief kommt aus der Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg. Rektorin Christiane Steimer-Ruthenbeck berichtet über Schüler, die Messer bei sich tragen oder ihre gewalttätigen Übergriffe filmen. „Den Eltern kommt die Erziehungsgewalt völlig abhanden“, sagt die Rektorin, deren Schüler zu 75 Prozent aus sozial schwachen und 85 Prozent aus Migrantenfamilien kommen.

Sie brauche feste Sozialarbeiter und nicht die „völlig unqualifizierten Leute“, die über freie Träger vom Jobcenter in die Schulstation geschickt und dazu noch alle zehn Monate ausgewechselt würden.

Den ständigen Wechsel der Bezugspersonen hält auch die zuständige Volksbildungsstadträtin Sigrid Klebba (SPD) für „ganz schlecht“, aber man müsse schon froh sein, wenn das Jobcenter überhaupt Kräfte zur Verfügung stelle. Ungeeignete Leute müsse man aber beanstanden. Ebenso wie ihr Neuköllner Kollege Wolfgang Schimmang (SPD) bedauert sie, dass das Geld nicht reicht, um allen Schulen fest angestellte Sozialarbeiter zur Verfügung zu stellen: Zurzeit hätten nur 30 der rund 100 Grundschulen in sozialen Brennpunkten reguläre Schulstationen.

Wer keine eigenen Kräfte habe, solle das Jugendamt einschalten, rät Mario Dobe vom Verband der Ganztagsgrundschulen. Auch CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid plädiert angesichts der Probleme dafür, Jugendämter und Schulen besser zu vernetzen. Auf einer GEW-Tagung erklärten Pädagogen, dass es an ihren Grund- und Gesamtschulen nur noch „minimale Unterschiede“ zu den Hauptschulen gebe.

Aber auch die Hiobsbotschaften aus den Hauptschulen hören nicht auf. Laut GEW-Referent Norbert Gundacker haben Lehrer der Neuköllner Kepler-Hauptschule soeben einen Psychologen und zwei Sozialarbeiter mit arabischem und türkischem Migrationshintergrund angefordert, da es „eine zunehmende Zahl unbeschulbarer Jugendlicher mit zum Teil intensiv-kriminellen Karrieren und heftigen psychosozialen Störungen“ gebe. Jugendamt und Schulaufsicht seien „überlastet“. Das führe etwa dazu, dass Schulbeschlüsse zur Umsetzung gewalttätiger Schüler unbearbeitet blieben, was das Fehlverhalten der Schüler „bestärkt“. So berichtet Rektor Wolfgang Lüdtke von einem 13-jährigen Araber, der gerade drei Schüler „abgezogen“ habe. Seine Akte sei „so dick wie ein halber Quelle-Katalog“. Er soll umgesetzt werden, aber eine Schule wurde noch nicht gefunden.

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