Berlin : Neuer Job, neues Glück

Sie haben gezweifelt und am Ende gejubelt: 30 000 Berliner haben dank Wirtschaftsaufschwung einen Job gefunden – vier Beispiele

Thomas Loy

Dieser Aufschwung ist wie eine große Schönwetterfront, die länger anhält als vorhergesagt. Das Leben hellt sich auf, die Stimmung steigt, und für viele Arbeitslose hat der große Kummer ein Ende. Innerhalb eines Jahres fanden in Berlin mehr als 30 000 Menschen einen festen, mit allen Versicherungsleistungen ausgestatteten Arbeitsplatz. Die Arbeitslosenquote verringerte sich um satte zwei Prozent.

Das Handwerk sucht nach Mitarbeiterin, im Gastgewerbe, im Einzelhandel entstehen Jobs, die Internet- und Computerdienstleister expandieren. Fast 54 000 offene Stellen gibt es derzeit in Berlin und Brandenburg. Erkennen lässt sich die gute Konjunktur zunächst an den vielen Pluszeichen vor den Wirtschaftsdaten. Von den Menschen, die ihr Leben neuerdings mit einem Pluszeichen schmücken, erfährt man wenig. Wir stellen vier Berliner vor, die mitten im Aufschwung sind, weil sie nach längerer Arbeitslosigkeit einen neuen Job gefunden haben.

Elke Schiller, 55, Schuhverkäuferin:

Kurz vor Hartz IV hat sie noch die Kurve in den ersten Arbeitsmarkt gekriegt. Die Probezeit läuft gerade ab. Wenn es nach ihr ginge, würde Elke Schiller bis zur Rente bei „Algez-Schuhe“ am Kottbusser Damm arbeiten. Die Stimmung ist gut, erlaubt sind sogar kleine Spitzen gegen den Chef, Veli Aygün, der seinen Mitarbeiterinnen durch das Kameraauge beim Verkaufen zuschaut. Leider kann er wegen seines Großhandelsgeschäfts in der Türkei selten persönlich vorbeischauen. Deshalb winken sie in die Kamera, um ihn aus Berlin zu grüßen.

Beworben hat sich Elke Schiller auf eine Anzeige der privaten „Arbeitsvermittlung Berlin-Brandenburg“. Die suchten eine erfahrene Schuhverkäuferin. Vorgestellt hat sich Elke Schiller bei der Steuerberaterin des Unternehmers Aygün, er selbst spricht kein Deutsch. Als sie wochenlang nichts mehr hörte, rief sie einfach selbst an und hatte den Job.

Elke Schiller hat Ende der 60er Jahre Einzelhandelskauffrau bei Schuh-Neumann an der Tauentzienstraße gelernt, eine grundsolide Ausbildung, danach wechselte sie zu Wertheim in die Schuhabteilung. „Das hat Spaß gemacht.“ Als die Kinder kamen, hörte sie auf, und als die Kinder erwachsen waren, wollte sie wieder einsteigen und begann, Vorwerk-Staubsauger zu verkaufen. Zehn Jahre lang war sie mit dem schweren Musterkoffer unterwegs, dann streikte der Rücken. Sie fand eine Stelle in einem Schreibwarenladen, der sich aber nicht rentierte. Danach ging sie in eine Bäckerei, blieb fünf Jahre, bis sie „rausgemobbt“ wurde. Während der Arbeitslosigkeit verdiente sich Frau Schiller in einem Schuhladen etwas dazu, aber Aussicht auf eine feste Stelle gab es nicht. Bei Algez stimmt die Bezahlung, nur der Umsatz ist noch nicht dort, wo er sein sollte. Zu dunkel das Sortiment, findet Elke Schiller. Kinderschuhe und Sandalen suchen die Kunden vergebens. Der Chef will neue Waren schicken, aber wann? Elkes Kollegin frotzelt: „Die Sandalen kommen Weihnachten.“

Manfred Hartmann, 53, Doorman:

Jemand, der mit einem ironischen Lächeln erzählen kann, wie er den finanziell unattraktivsten Arbeitsvertrag seines Lebens unterschrieben hat, muss die Zukunft nicht fürchten. Manfred Hartmann – sanfte, warmherzige Stimme – hat eine buddhistische Grundhaltung zum Leben und zum Arbeitsmarkt. Als der Markt ihn zuletzt rief, war er gerade in Niedersachsen, bewarb sich bundesweit als Allround-Handwerker in Sachen Holz und Metall, bekam Absagen, fühlte sich trotz seiner vielen Qualifikationen unbrauchbar, „wie ein Hund ohne Schwanz“, und sagte einfach: Gut, ich komme.

Sicherheitsbranche, schlechte Bezahlung, aber garantierter Job. Manfred Hartmann machte das übliche Trainingsprogramm, nahm sich eine kleine, günstige Wohnung und passte seinen Lebensstandard nach unten an. Sein Vermittler, Günter Zisick, könnte Hunderte Manfred Hartmanns in Jobs vermitteln. Doch von seinem Schlag gibt es nur wenige.

Sicherheit kann er. Hartmann war Polizist in der DDR. Berlin kennt er auch aus dieser Zeit. Ursprünglich hatte er in Suhl, Thüringen, Jagdwaffenmechaniker gelernt. Weil in der Hauptstadt der DDR Polizisten gesucht wurden, wechselte er den Beruf. Als Straßenbahnfahrer gesucht wurden, wechselte er noch mal. Der nächste Wechsel folgte „auf Wunsch einer einzelnen Dame“. Die mochte Berlin nicht. Manfred Hartmann folgte ihr nach Neuruppin und fand Arbeit in einer Waffenwerkstatt. 1991 war Schluss für ihn.

Er wechselte nach Niedersachsen, baute Gasregler, wurde Hausmeister in einem Kinderdorf, wechselte, als sich die Gelegenheit ergab, in die Saunabranche, wurde Werkstattleiter in einer jungen Firma, bis sein Meniskus kaputt ging und der Saunamarkt auch.

Nun also Doorman in einem Geschäft für Kinderbekleidung, im Steglitzer Einkaufszentrum „Das Schloss“. Aufpassen, dass niemand klaut und Preise ausspioniert. 200 Stunden im Monat für etwas mehr als 1000 Euro brutto. Aber Hartmann ist zufrieden. „Das liegt mir.“ Er bewirbt sich weiter als Handwerker und hofft auf eine Übernahme durch die expandierende Kinderladenkette. „Ich habe mich noch nicht abgeschrieben.“

Annett Schumann, 26

, Sekretärin:

„Genommen hätten wir Sie gerne, aber mit ihrem kleinen Sohn …“ Auf diesen Satz lauerte Annett Schumann geradezu. Meistens kam er gegen Ende, denn danach blieb nicht mehr viel zu sagen. Viele Bewerbungsgespräche liefen auf diesen diskriminierenden Kernsatz hinaus, erzählt die gelernte Bürokauffrau. Einige fingen schon schlecht an, etwa so: Wie viel Fördermittel kriege ich, wenn ich Sie einstelle?

Ein „schlechtes Gefühl“ hatte sie bei den Gesprächen, eine Zeit lang fiel sie in ein Tief, für zwei Wochen sogar ins „Extremtief“. „Ich habe geheult, wollte niemanden mehr sehen.“ Aber das ging vorbei: „Mein Privatleben war ja okay.“

Sieben Monate war sie arbeitslos, danach noch einmal so lange als ABM-Kraft bei einem gemeinnützigen Verein. Von dort ging es nahtlos zu ihrer jetzigen Arbeitsstelle am Empfang im Ingenieurbüro Gräf und Partner an der Friedrichstraße. Ihr Chef, Vater von vier Kindern, hatte keine Bedenken, eine Mutter einzustellen. Die Chemie stimmte sofort, am Freitag stellte sie sich vor, am folgenden Mittwoch gehörte sie schon zum Team. Eigentlich sollte sie zuerst nur ausgeliehen werden von der Vermittlungsagentur „AZ“, die das Stellenangebot ausgeschrieben hatte. Doch IGP-Chef Gräf verzichtete auf diese Testphase. Seit 1. Mai hat sie einen unbefristeten Vertrag und fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz „saumäßig wohl“.

Während der Arbeitslosigkeit hatte sie überlegt, in einem Callcenter zu arbeiten, eine Ich-AG zu gründen oder gleich ins Hochlohnland Schweiz zu gehen, aber diese Entscheidungen hätten den Makel gehabt, aus der Not geboren zu sein. Heute weiß sie, dass es richtig war, ihr Englisch regelmäßig aufzufrischen, einen Computerkurs zu machen und mit dem Lebenspartner Bewerbungsgespräche zu simulieren. Und vor allem, das Selbstvertrauen nicht zu verlieren.

Martina Jonuscheit, 33, Arbeitsvermittlerin:

Ein Sechser im Lotto, so sieht sie ihren neuen Arbeitsplatz. Gleich nach der Festanstellung kaufte sie sich einen neuen Schrank, für die Söhne Fußballschuhe, den Führerschein will sie jetzt machen und die Reise nach Ägypten ist auch schon gebucht. Probezeit? Hat ihr Chef nur mit den Schultern gezuckt. So eine wie Martina Jonuscheit, die sich richtig reinhängt in den Job, ins Team passt und lernwillig ist, da wächst das Vertrauen schon nach einer Woche.

Martina Jonuscheit war mit Unterbrechungen fast fünf Jahre arbeitslos, im April las sie eine Jobanzeige, bewarb sich und fing zwei Wochen später bei der KSK-Arbeitsvermittlung in Hellersdorf an. Jetzt verhilft sie anderen Arbeitslosen zu einem neuen Job.

Als alleinerziehende Mutter auf Hartz IV, das empfand Frau Jonuscheit schon als schwierig. Sie nahm Ein-Euro-Jobs an, um überhaupt beschäftigt zu sein, hatte aber oft das entwürdigende Gefühl, „ganz unten“ zu sein und auch so behandelt zu werden. Dabei ist sie selbstbewusst, kommunikativ und vielseitig ausgebildet. Nach dem Abitur lernte sie in Tschechien – ihrem Heimatland – Hotelfachfrau, studierte nebenher Psychologie, machte später eine Zusatzausbildung zur Fitnesstrainerin und arbeitete ein Jahr lang als Mieterberaterin bei einer Wohnungsbaugesellschaft.

Im KSK-Vermittlungsbüro sitzt sie mit ihrem Chef und zwei Kolleginnen eng beieinander. Stress liegt in der Luft. Vieles wird auf Zuruf geregelt, alle sind per Du, „sehr menschlich“ findet sie den Umgang. Das Menschliche hatte sie während der Arbeitslosigkeit sehr vermisst.

Trotzdem, wenn ihre Kinder nicht wären, würde sie jetzt in Australien sein, irgendwas mit Tieren machen. Australien war schon immer ihr Traumland. Und dort einen Job zu finden, traut sie sich allemal zu.

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