Berlin : Neuer Schliff für ein Juwel

Wie könnte ein Naturkundemuseum der Zukunft aussehen? Ein Rundgang mit Ex-Kultursenator und Ausstellungsmacher Christoph Stölzl

Thomas Loy

Beim Naturkundemuseum fällt Christoph Stölzl als Erstes der Roman von Monika Maron ein: „Animal triste“. Es ist die Geschichte einer Paläontologin, die unter dem Skelett des riesigen Brachiosaurus die Liebe ihres Lebens kennen lernt, wieder verliert und fortan von den Erinnerungen und stofflichen Resten dieser Beziehung zehrt. Ein melancholischer Text fernab der belebten Welt, ein Text, mit dem sich auch das Schicksal des Naturkundemuseums beschreiben ließe. Die baumbewachsene Ruine des Ostflügels, die salpeterzerfressenen Wände der Sammlungssäle, die lieblos abgestellten Tierexponate als stumme Zeugen einer untergegangenen Liebe des Berliners zu seinem Naturkundemuseum.

Nun soll der modernde Tempel aus der Kaiserzeit wiederbelebt werden. 16 Millionen Euro aus EU- und Lottomitteln stehen dafür bis Ende 2007 zur Verfügung. Mindestens vier Ausstellungssäle werden komplett saniert und neu gestaltet. Die Galerie über dem Dinosauriersaal wird teilweise zugänglich gemacht. Die Ausstellung selbst soll thematisch vollkommen umgekrempelt werden. Das Museum wird danach ein anderes sein, verspricht der Leiter der Ausstellungen, Ferdinand Damaschun. Aber der große Wurf ist es noch nicht. Der Ostflügel bleibt eine Ruine, die einzigartigen Lehr-Sammlungen präparierter Tiere, Fossilien und Mineralien werden für den Normal-Besucher weiterhin unzugänglich sein.

Die Direktoren des Museums sind mit den Jahren bescheiden geworden. Bisher gab es Geld nur für undichte Dächer und als Dreingabe viele leere Versprechungen. Ex-Kultursenator Christoph Stölzl (CDU), der als ehemaliger Direktor des Deutschen Historischen Museums ein erfahrener Ausstellungsmacher ist, liegt das Haus besonders am Herzen. Er fordert, über den „Reparaturfall“ hinaus langfristige Utopien zu formulieren. Berlin leiste sich im Bereich der historischen Naturwissenschaft eine „weiche Flanke“. Die Naturgeschichte müsse gleichrangig mit der Kunstgeschichte präsentiert werden. Dass sich zu wenig Schüler für Naturwissenschaften begeistern, habe auch mit dem fehlenden Nimbus der Naturforscher zu tun, meint Stölzl.

Kann man ein Haus, in dem die Zeit vor Jahrzehnten stehen blieb, zu einem touristischen Fixstern entwickeln? Stölzl fällt zuerst der große Lichthof ins Auge. Ein Museum braucht Platz! Könnte man da nicht ein Glasdach draufsetzen? Museumsdirektor Hans-Peter Schultze wird nun etwas wehmütig. So ein Dach gab es schon mal. Zu Kaisers Zeiten brauchte man Platz für die großen Dinosaurierskelette, die in Ost-Afrika ausgegraben worden waren. Da bekamen die Walskelette eine neue Heimstatt im Hof.

Direktor Schultze kann die große Flügeltur zum Sammlungsbereich auch mit viel Muskelkraft nicht aufbekommen, also muss sich die kleine Delegation einen anderen Zugang bahnen. Im Fischsaal – hier lagern rund 130000 Fischpräparate in 40000 alkoholgefüllten Glaskolben – sprengt die reine Fülle der Exponate jedes museumspädagogische Konzept. Was zeigen? Was weglassen? Das sei nicht so einfach wie in der Kunst, bemerkt Stölzl. Schultze greift dann doch ein kleines Glasröhrchen heraus; darin schwimmt der „Ur-Guppy“, zum ersten Mal umfassend beschrieben und deshalb bis heute der Vergleichsmaßstab für die Bestimmung der Art. Nur ist der Ur-Guppy ein blasses winziges Fischchen, das kaum als Blickfang taugt. Wie wär’s mit einem Hai? „Haben wir auch“, sagt Schultze. Stölzl hat da mal im Wiener Naturhistorischen Museum ein Haipräparat mit eingefügtem Schuh gesehen – er gehörte dem Seemann, der von diesem Hai verschlungen worden war. „Makaber, aber unvergesslich.“ Und deshalb förderlich für die Besucherzahlen. Einen Hai mit Schuh hat das Naturkundemuseum leider nicht.

Zwischendurch klagt Schultze, dass dem Museum von vier Präparatoren nur noch zwei geblieben sind. Die Konservierung und Restaurierung der Sammlungen komme nur noch stockend voran. In der Asservatenkammer der Paläontologen ist es feucht und kühl. Es gibt keine Heizung und kein natürliches Licht. Die Objekte liegen versteckt in dicht aneinander gedrängten Schränken; es sieht aus wie in einem Altmöbellager. Das Notdach aus Holz wurde nach dem Krieg von russischen Pionieren gezimmert. Das gesamte Museum trägt museale Züge, ein Ort für Nostalgiker, sagt Stölzl. Nein, vor allem ein Ort aktiver Forschung. Darauf muss Direktor Schultze beharren, während er zum Vogel-Saal weitereilt. Zoologe Frank Steinheimer wünscht sich bessere Bedingungen für die weltweit einzigartige Sammlung von Vogelpräparaten, das sei eine Frage „nationaler Verantwortung und Verpflichtung“. Er zieht eine Schublade aus dem Archivschrank. Drinnen liegen wie im Setzkasten Kleidervögel aus Hawaii, eingefangen auf der letzten Fahrt des Weltumseglers James Cook, 1779, kurz bevor er erschlagen wurde. So etwas muss man doch ausstellen und erzählen! Nur wo? Auch die historische Bibliothek der Vogelkundler – sie reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück – befinde sich in einem „erbärmlichen Zustand“.

Um seine Gäste nicht weiter zu deprimieren, zeigt Schultze zwei kleine Säle, die mit Sponsoring und Spendeneinwerbung aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt wurden. Im Präparationssaal werden die verschiedenen Konservierungs-Techniken dargestellt – dabei auch einige Tier-Plastinate vom umstrittenen Leichenpräparator Gunther von Hagens. Nebenan im „Exploratorium“ können Kinder in einer Sandkiste Fossilien ausgraben und an Mikroskopen Kleinlebewesen beobachten. Hier wird der toten Natur ein wenig Leben eingehaucht.

Stölzl lobt und kritisiert. Vor allem fehlt ihm der Mensch. Eine Vitrinenreihe handelt kurz die Entwicklung vom Primaten zum Homo sapiens ab, aber Stölzl wünscht sich mehr. „Warum hat der Mensch diese Sonderstellung in der Evolution? Was ist seine Zukunft?“ Gentechnik, Menschenwürde, Tierschutz – solche drängenden Fragen würde der Kulturpolitiker Stölzl gerne behandelt sehen. Direktor Schultze nickt. Gewiss, darüber sollte man nachdenken. Irgendwann mal.

Das Museum startet jetzt eine Kampagne: Gegen eine Spende von 20 Euro gibt es Patenschaften für Saurierknochen oder Insektenkästen. Mit dem Geld sollen dringend nötige Restaurierungsarbeiten bezahlt werden. Info: 2093-5803

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