Berlin : Neuer Start für altes Raumschiff

Architekten suchen nach Ideen für das ICC

Jürgen Tietz

Wie sieht die Zukunft für das ICC aus? Anstatt des derzeit diskutierten Abrisses und eines Neubaus eines Kongresscentrums anstelle der denkmalgeschützten Deutschlandhalle, wie sie von der Messe Berlin favorisiert wird, fordert der Bund Deutscher Architekten (BDA) Berlin mehr Phantasie im Umgang mit dem Kongresskoloss ein. Deshalb hatte die Architektenvereinigung dazu aufgerufen, das 1973 – 79 nach Entwürfen von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte errichtete ICC weiterzudenken. Die Ergebnisse sind nun in einer Ausstellung in der BDA-Galerie in der Charlottenburger Mommsenstraße zu sehen, die am Montagabend eröffnet werden sollte.

Mit Lust am Fabulieren und viel Phantasie eröffnen die Ausstellungsbeiträge einen neuen Blick auf das ICC. Hier geht es nicht um detaillierte Umnutzungspläne und Kostenberechnungen. Die sind Aufgabe eines künftigen Architektenwettbewerbs. Der BDA stellt erste Visionen vor, die beweisen: Das ICC gehört zu Berlin. Die Gruppe Urbanitekken schlägt etwa vor, das ICC kurzerhand auf den Schlossplatz zu verfrachten. Dort könnte es dann dem Palast der Republik ins Gesicht schauen, seinem annähernd zeitgleich errichteten Ost-Berliner Veranstaltungs-Pendant. Und am Messedamm? Dort entstünde mit einem wieder aufgebauten Stadtschloss, wie es Rafal Wamka vorschlägt, ein neuer Blickfang vom Funkturm. Zwischen den teils bissig frechen, teils ironischen Beiträgen finden sich auch höchst liebevolle Aneignungen des Architekturkolosses: Getreu dem Motto, wenn ihr mich hier nicht haben wollt, dann gehe ich eben woanders hin, schickt Holger Betz das ICC auf Weltreise. Ob als schwimmende Insel im Meer bei Vietnam, als Fata Morgana in der Wüste Gobi oder – einfach hoch gekippt als Hochhaus in Singapur.

Es geht auch ernsthafter. Eine neue interaktive Medienfassade, die energetische Optimierung sowie die Umnutzung des derzeitigen Parkhauses zum Kongresshotel sind für die Architekten Müller und Simon die irdischen Ansätze, um den Schutzschild des Kongress-Raumschiffs gegen Abriss-Angriffe wieder stark zu machen.

Eines verdeutlichen alle Entwürfe: Der vom Bund Deutscher Architekten eingeforderte „öffentliche Diskussionsprozess“ über das ICC steht erst am Anfang. Dazu gehört auch, wie vom BDA eingefordert, die vollständige Veröffentlichung jenes Gutachtens, das das Architekturbüro von Gerkan Marg und Partner (gmp) angefertigt hat. So bezweifeln etwa die ICC-Erbauer sowohl die von gmp errechneten Sanierungskosten von 212 Millionen Euro für das ICC als auch die gmp-Kalkulation, ein neues Kongress-Gebäude am Ort der Deutschlandhalle sei für lediglich 62 Millionen Euro zu bauen.

Das ICC Weiterdenken. BDA Galerie Mommsenstraße 64. Geöffnet Mo, Mi, Do, 10-15 Uhr.

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