Neuer Straßenname : Ständige Erinnerung an Hatun Sürücü gefordert

Wenn sich der Todestag eines Menschen zum fünften Mal jährt, so das Berliner Straßengesetz, können Straßen nach dieser Person benannt werden. Vor fünf Jahren wurde Hatun Sürücü ermordet. Soll eine Straße ihren Namen tragen? Ein Pro & Contra

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In Gedenken an Hatun Sürücü. Am Sonntag soll der vor fünf Jahren ermordeten Berlinerin gedacht werden. Um 11 Uhr ist eine...

An der Tempelhofer Bushaltestelle „Oberlandgarten“, an der Hatun Sürücü auf den Tag genau vor fünf Jahren starb, ist auf einem grauweißen Stein eine Gedenktafel angebracht. Seit mehreren Jahren fordert etwa Andreas Becker vom Verein „Hatun und Can“, zudem eine Straße nach der mit 23 Jahren ermordeten Deutschen kurdischer Herkunft zu benennen. Dies wäre nun möglich: Wenn sich der Todestag eines Menschen zum fünften Mal jährt, so das Berliner Straßengesetz, können Straßen nach dieser Person benannt werden.

Der Mord an Hatun Sürücü hatte 2005 eine Debatte um Zwangsehen und Wertvorstellungen von muslimischen Familien in Deutschland ausgelöst. Das Mordmotiv: Gekränkte Familienehre, weil Sürücü einen westlichen Lebensstil gepflegt hatte. „Der Grund, eine Straße nach ihr zu benennen, ist natürlich nicht der Mord an sich“, sagte Andreas Becker, „sondern Hatuns Wille, ein eigenständiges Leben zu führen.“ Das habe die Berlinerin geschafft: Sie lebte in einer eigenen Wohnung, war alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Can und kurz davor, eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin abzuschließen. „Dafür hat sie mit ihrem Leben bezahlt“, so Becker.

Unterstützung findet Becker unter anderem beim Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Kenan Kolat, und dem Berliner Integrationsbeauftragten Günter Piening. „Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen, um die Erinnerung an die Tat wachzuhalten “, sagte Kolat. Hilmi Kaya Turan vom Berliner Migrationsrat ist auch für eine solche Straße. Er gibt aber zu bedenken, dass sich Menschen aus bestimmten Kulturkreisen dadurch pauschal stigmatisiert fühlen könnten.

Bilkay Öney, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, ist gegen eine Hatun-Sürücü-Straße: Das einzige Verdienst Sürücüs sei, ein selbstbestimmtes Leben geführt und dafür erschossen worden zu sein. „Ich fände es passender, etwa ein Jugendzentrum nach ihr zu benennen, in dem auch Mädchenarbeit gemacht wird“, sagt Öney.

Für die Taufe neuer und die Umbenennung bereits bestehender Straßen sind in Berlin die Bezirke zuständig. Weil Frauennamen im Gegensatz zu Männernamen im Stadtbild weit unterrepräsentiert sind, sollen sie besondere Berücksichtigung finden. Vorschläge dafür können von jedem kommen: von Bürgern, Parteien, Verbänden. Letztes Jahr wurden rund 15 Berliner Straßen neu benannt – meist in Neubaugebieten, so Lieselotte Trieb von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Seltener und oft von Streitigkeiten begleitet sind Umbenennungen. Seit 1990, so Trieb, hätten in Berlin nur rund 175 bereits bestehende Straßen neue Namen bekommen – die meisten direkt nach dem Mauerfall, nur eine letztes Jahr. Umbenannt werden können etwa Straßen, die doppelt oder mehrfach denselben Namen tragen, Straßen, die nach „aktiven Gegnern der Demokratie“ aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 heißen oder die „nach heutigem Demokratieverständnis negativ belastet“ sind – Namen von Kolonialherren etwa.

Umbenannt wurde deshalb etwa die frühere Reichssportfeldstraße in Flatowallee – nach den beiden deutsch-jüdischen Olympiasiegern Alfred und Gustav-Felix Flatow, die im Konzentrationslager Theresienstadt starben. Vor Gericht ausgetragen wurde zuletzt der Streit um die Kochstraße, die nun Rudi-Dutschke-Straße heißt. Das Gröbenufer, benannt nach einem Militär und Leiter einer Kolonialexpedition in Afrika, soll noch diesen Monat nach einer 1996 gestorbenen Antirassismusaktivistin in May-Ayim-Ufer umbenannt werden.

Pro

Was haben Rotkäppchen, Onkel Tom und der Apostel Paulus gemeinsam? Ganz einfach: Mindestens eine Straße in Berlin trägt ihren Namen, obwohl ihre Verdienste für die Stadt oder die Gesellschaft in Expertenkreisen durchaus umstritten sind. Von Figuren wie Heinrich von Treitschke reden wir lieber gar nicht erst. Belassen wir es beim Blick auf den Stadtplan – und bei der Erkenntnis, dass Straßennamen ein weites Feld sind. Weit genug jedenfalls, um guten Gewissens Hatun Sürücü zu ehren. Dass sie den Mut hatte, sich den überkommenen Moralvorstellungen ihrer Familie zu widersetzen, ist allein schon Grund genug. Dass sie diesen Mut mit dem Leben bezahlt hat, macht ihren Fall auch für die Nachwelt bedeutsam. Jeder Mensch, der für seine Überzeugung oder seine Lebensweise umgebracht wurde, darf nicht vergessen werden, sondern muss eine Mahnung sein. Straßennamen sind nicht zu verwechseln mit Heldengedenken, sondern dienen dieser Erinnerung. Eine Hatun-Sürücü-Straße würde allein durch ihre Existenz immer wieder von Neuem die Frage aufwerfen, wer eigentlich Hatun Sürücü war. Die Problemlage, die dem Mord an der jungen Frau zugrunde lag, ist keineswegs von der Welt verschwunden, sondern eine lebensgefährliche Bedrohung für andere, die ebenfalls einfach nur in Freiheit leben wollen. Deshalb brauchen wir diese Straße. Stefan Jacobs

Contra

Hatun-Sürücü-Straße – das ist eine unpassende Form des Gedenkens. Der Name auf dem Straßenschild ist eine postume Ehrung für ein verdienstvolles Leben. Soll es ihr „Verdienst“ sein, dass Hatun Sürücü ermordet worden ist – auch wenn ihr Tod eine wichtige Diskussion befördert hat. Ohne Zweifel soll diese junge Frau im Gedächtnis der Öffentlichkeit fortleben: Weil sie es wagte, frei zu leben. Weil sie sich mutig gegen Konventionen aufgelehnt hat, von denen sie sich offenbar erdrückt fühlte. Weil sie ihrem kleinen Sohn ein freies Leben ermöglichen wollte, statt ihn den archaischen Vorstellungen ihrer Familie zu opfern. Das Erinnern des Falles Sürücü bedeutet, an die Mühe zu denken, die es ihr machen musste, sich außerhalb familiärer Zusammenhänge zu orientieren. Und an Freude an der Freiheit, an Traurigkeit über den Groll, den sie seitens ihrer Brüder und ihrer Eltern gespürt haben muss.

Man denkt womöglich daran, wie dringend notwendig es in diesem Land war, über „Ehrenmorde“ zu diskutieren – und dass Hatun Sürücü nicht die einzige Frau war, die aus Gründen der Familienehre ermordet worden ist. Das alles soll erinnert werden: durch Blumen, die jemand auf ihr Grab oder auf den Boden vor dem Gedenkstein an der Oberlandstraße legt, auch durch Worte, die Politiker jahrestagsgemäß sagen, durch das Erzählen ihrer Geschichte. Das ist zu viel für ein Straßenschild. Werner van Bebber

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