Berlin : Neuerdings ein Fan der blauen Stunde

Wir zeigen, wie Berliner wohnen

Nina Siegers

BERLIN PRIVAT

Wer sagt, dass Homestorys nur interessant sind, wenn Prominente darin die Hauptrolle spielen ? Wir nicht. In dieser Serie stellen Radio Multikulti und der Tagesspiegel die Wohnungen der Berliner von nebenan vor. Die Sendung zum Text läuft heute (8.40 Uhr) im Radio, und im Internet erlauben die Bewohner einen Blick ins Private.

28 Sekunden dauert es, dann ist Steffen Knop ganz oben. So lange braucht der spindgroße Fahrstuhl bis in den 18. Stock – in Steffens Wohnung. Als er vor einem Jahr genug hatte von Kreuzberg und der Bergmannstraße, hat sich Steffen, der als Texter in einer Event-Agentur arbeitet, nach etwas anderem umgesehen. Drei Dinge waren ihm wichtig: kurzer Weg zur U-Bahn, schöne Aussicht und eine gute Nachbarschaft. Fündig wurde er an der Jannowitzbrücke, in einem Hochhaus: U- und S-Bahn direkt vor der Tür, die Stadt zu Füßen. Zur Sicherheit wollte Steffen einen Tag „probewohnen“. „Ich habe zwei Freunde eingeladen und wir haben einfach nur dagesessen und gequatscht.“ Nach fünf Stunden war die Sache entschieden – die Aussicht hatte den Ausschlag gegeben.

Dafür nimmt er auch in Kauf, dass er jetzt in einer „Mondlandschaft“ lebt. Und sich ein bisschen wie auf dem Präsentierteller vorkommt. Denn wer wissen will, ob Steffen zuhause ist, muss nur den Kopf in den Nacken legen und die obersten Fenster ins Visier nehmen. „Manchmal klingeln noch um 3 Uhr nachts Leute bei mir.“ Mit denen sitzt er dann in der spartanisch eingerichteten Küche, am langen Metalltisch, hört Drum ’n’ Bass und fühlt sich „richtig in der Stadt“. Fehlt ein Gesprächsthema, reicht auch der Blick aus dem Fenster: Aus dem Schlafzimmer reicht er bis zu den Treptowers, aus dem Wohnzimmer hat man ganz Mitte im Visier und die Küche ist der Ausguck für den Prenzlauer Berg. Selbst nach einem Jahr entdeckt Steffen da draußen immer wieder ein neues Detail, „ein neuer Kran wird auf- oder abgebaut, ein anderes Werbeplakat angebracht“. Freunde haben ihm zum Einzug ein Fernglas geschenkt, das liegt jetzt griffbereit auf dem Fensterbrett. „Meine Lieblingszeit ist die blaue Stunde“ schwärmt der 30-Jährige, „das ist die eine Stunde nach Sonnenuntergang“. Dann erscheint das Licht auf den Gebäuden im Umkreis fast irreal. Das kann aufs Gemüt schlagen, Stimmungen beeinflussen. „Ein Freund wollte sich neulich sogar mal meine Wohnung leihen“ – um eine alte Liebe wieder zu entflammen. Die Verabredung kam nicht zustande, die Liebe blieb erloschen. Vielleicht hätte der Anblick der orange funkelnden Zügen in der Abendsonne noch mal gewirkt. Für eine Großstadtromanze bietet Steffens Wohnung jedenfalls die richtige Kulisse. Internet: www.berlinprivatonline.de , Radio Multikulti (im Kabel 91,6 MHz, Antenne 106,8 MHz), 8.40 Uhr.

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