Neues Berlin-Buch : Mit Kurt Tucholsky im Affenkäfig Berlin

"Allens halb so schlimm": Erstmals vereint ein Buch Kurt Tucholskys Texte über Berlin - Überraschungen inklusive.

von
Die Weltbühne, Kurt Tucholskys journalistisches Podium. Hier erschienen viele seiner Texte.
Die Weltbühne, Kurt Tucholskys journalistisches Podium. Hier erschienen viele seiner Texte.Foto: Wikipedia

Gewiss, Bücher mit Texten von Kurt Tucholsky oder „Tucho“, wie ihn seine Freunde nennen, gibt es stapelweise. Und mit den Wikipedia-Einträgen kann man einen ganzen Urlaub verbringen. Aber dieser neue Band ist dennoch – besonders für Berliner – ein herrliches Vergnügen zum Lesen und Vorlesen. Und zum Entdecken. Denn erstmals sind all seine Glossen, Reportagen, Porträts, Rezensionen und Gedichte über und aus Berlin in einer Ausgabe vereint – Überraschungen inklusive.

Vieles wirkt bis heute höchst aktuell

Schon mal mit Tucho im Zoo gewesen? „Im Zoologischen Garten ist eine Affenhorde aus Abessinien eingesperrt, und vor ihr blamiert sich das Publikum täglich von 9 bis 6 Uhr“, schreibt er. „Hamadryas I. sitzt still im Käfig und muss glauben, dass die Menschen eine kindische und etwas schwachsinnige Gesellschaft sind.“

Affenkäfig Berlin. Tucholskys Berliner Feuilletons spiegeln die Stadt in all ihren Facetten wider – und vieles wirkt bis heute höchst aktuell. Der größte deutsche Satiriker der Zwischenkriegszeit hat von 1919 bis 1930 meist für die Zeitschrift „Die Weltbühne“ einen faszinierenden Mix in seine schwarze Schreibmaschine getippt – von Alltagsbeobachtungen, Essays und Chansons bis zu Mahnungen vor der politischen Gefahr von rechts.

Sein Zille-Porträt war eine Liebeserklärung an die Stadt

Tucholsky gehörte in den Zwanzigern zu Berlin wie Claire Waldoff oder Max Reinhardt. In Moabit geboren und der Stadt zeitlebens eng verbunden, kannte er sein Berlin und brachte all seine Eindrücke mal spöttisch-ironisch, mal mit Charme und Witz oder sentimental auf den Punkt. Keine Frage, der Mann hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Berlin und den Berlinern. Doch er blieb fair, er hat seine Stadt geliebt – wohl gerade wegen ihrer vielen Brüche. 1925 porträtierte er Heinrich Zille. Es war auch eine Liebeserklärung an die Stadt: „Zilles Seele ist ganz Berlin: weich, große Schnauze, nach Möglichkeit warme Füße, und: allens halb so schlimm.“

Kurt Tucholsky: Berlin! Berlin! Über dieser Stadt ist kein Himmel. Berlinica-Verlag, 203 Seiten, 22 Illustrationen, 12 Euro, ISBN: 978-3-96026-023-3, erhältlich ab 18. September auf Deutsch oder Englisch.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar