Neues Buch : Sarrazin schlitterte an den rechten Rand - vor fünf Jahren

"Abstrus, intellektuell dehydriert, überspitzt": Vor fünf Jahren wurde das neue Buch des ehemaligen Berliner Finanzsenators Sarrazin nicht als Diskussionsbeitrag zur Integration, sondern als Provokation gesehen. Was Ralf Schönball damals schrieb.

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Thilo Sarrazin.
Thilo Sarrazin.Foto: ddp

So ganz heimisch ist der frühere Finanzsenator Thilo Sarrazin nicht mehr in Berlin. Aber mehr Distanz zu seinen provokanten Thesen über Migranten aus islamischen Kulturkreisen hat der Bundesbankvorstand durch sein Pendeln vom Wohnsitz in Charlottenburg zum Frankfurter Dienstsitz nicht gewonnen. Der Vorabdruck seines Buches „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ fokussiert die Debatte über die Bildungsnähe von Migranten auf seine Person, statt auf Strategien zur Integration, heißt es allerorten.

Die frühere Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz (Grüne) sagte: „Es reicht nicht aus, die Probleme mit Lust an der Provokation lauthals zu beklagen.“ Sarrazin müsse sich fragen lassen, was er zu deren Bewältigung tue. Auch Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky spreche teilweise in „harschem Ton“ die Probleme an und die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig habe die Probleme klar benannt. Beide hätten dies aber immer mit dem Ziel getan, eigene Integrations-Strategien durchzusetzen. Volkholz ist Vorsitzende des Bürgernetzwerkes Bildung, das 1900 Lesepaten mobilisiert, die Jugendlichen an Schulen mit hohem Migranten-Anteil beim Spracherwerb unterstützen.

Sarrazins Sprüche
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07.02.2012 08:19"Wenn die Energiekosten so hoch wären wie die Miete, würden sich die Leute überlegen, ob sie nicht mit dicken Pullovern bei 15, 16...

Sarrazin ist „intellektuell dehydriert“, indem er Migranten pauschal Integrationswilligkeit abspricht, sagte CDU-Chef Frank Henkel. Es gehe Sarrazin gar nicht um Integration, denn schon als Finanzsenator habe er dafür keinen Finger krumm gemacht. „Stattdessen hat er Jugendeinrichtungen dicht gemacht und an Bildung und Erziehung gespart, an Infrastruktur also, die uns heute fehlt“, sagt Henkel.

FDP: Migrationsvorbilder statt Negativbeispiele sammeln

„Überspitzungen und Provokationen mit stigmatisierenden Charakter“ rücken Sarrazins Theorie nahe an rechtspopulistische Äußerungen, sagt Linken-Fraktionschef Udo Wolf. Während Buschkowsky und Heise „nahe an den realen Problemlagen“ seien, stehe Sarrazin nahe an der Grenze zur Volksverhetzung. Die angeblich große staatliche Last durch Sozialleistungen für Migranten kontert Wolf so: „Es ist unverschämt, ein Jahr vor dem 50-jährigen Aufruf der deutschen Wirtschaft an Ausländer zu immigrieren, deren Aufbauleistung geringzuschätzen“.

Die integrationspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion Mieke Senftleben sagt, man müsse die Debatte vom Kopf auf die Füße stellen: „Es ist falsch, immer die Negativbeispiele hervorzuholen, wir sollten die Migrationsvorbilder hervorheben.“ Nicht unbedingt nur Fußballstars wie Mesut Özil, sondern auch „die große Zahl der Schul- und Studienabgänger, der Arbeitnehmer und Selbständigen oder auch der fürsorglichen Eltern“.

SPD: Das ist nicht mehr sozialdemokratisch

Auf diesen Zusammenhang weist auch der Vorstand des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg Safter Cinar hin: „Die Zahl der Abiturienten und Hochschulabgänger wächst jährlich.“ Im türkischen Branchenbuch stünden über hundert Anwälte, die Hälfte davon Frauen. Der Migrationsrat in Berlin-Brandenburg rief zur Unterzeichnung eines Protestbriefes auf gegen den Auftritt von Sarrazin im Haus der Kulturen der Welt am 25. September. Dort will er aus seinem Buch vorlesen.

Ülker Radziwill, SPD–Landesvorsitzende der AG Migration, diagnostiziert bei Sarrazin „eine gewisse Form von Hass gegen bestimmte Gruppen, verbunden mit Angst“. Seine „holzschnittartige Draufsicht“ berücksichtige einfachste staatliche Hürden für Integrationswillige nicht: die fehlende Anerkennung von Schulabschlüssen oder der Aufenthaltstatus ohne Arbeitserlaubnis etwa. „Diese Thesen sind so abstrus, dass man sie inhaltlich gar nicht diskutieren kann“, sagte SPD–Sprecherin Daniela Augenstein. Und klar sei auch, dass dies „nicht mehr sozialdemokratisch ist“.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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