Berlin : Neues Gesetz beschränkt auch Aufnahme von Geschwisterkindern an gefragten Oberschulen

Susanne Vieth-Entus

Die gesetzliche Neuregelung bei der Oberschulwahl zeigt erste Wirkung: Besorgte Eltern werden bereits vorstellig, um Nachbesserungen bei den Grundschulgutachten zu erwirken. Sie befürchten, dass ihre Kinder andernfalls nicht an der gewünschten Oberschule aufgenommen werden. Schulleiter und Stadträte begrüßten gestern die neue Handhabe bei der Schülerauswahl und den Wegfall der Losverfahren. Sie wiesen aber auch darauf hin, dass sie nicht mehr alle Geschwisterkinder berücksichtigen können, da höchstens zehn Prozent der Plätze für derartige "Härtefälle" reserviert werden dürfen.

Wie gestern berichtet, hat das Parlament am Donnerstag einer Gesetzesänderung zugestimmt, um zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder in eine Schule einklagen können. Wenn eine Schule mehr Anmeldungen als Kapazitäten hat, muss sie nun zunächst Bewerber mit passender Grundschulempfehlung nehmen und Schüler, die eine in der Grundschule begonnene musik- oder sportbetonte Ausbildung oder eine bestimmte Fremdsprache fortsetzen wollen.

Bisher entschied häufig das Losglück über das schulische Schicksal der Kinder. Allein in Neukölln musste 1999 an vier Schulen dieser Weg beschritten werden, berichtet Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD), der das neue Verfahren begrüßt. Auch Martin Kraschewski, Leiter des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums, bezeichnet sich als "absoluten Befürworter der neuen Regelung", weil die Grundschulgutachten "sehr solide" und aussagekräftiger als die Halbjahreszeugnisse seien.

Andere Schulleiter kritisieren allerdings, dass sie bisher "nur aus der Presse" von der absehbaren Gesetzesänderung erfahren hätten, obwohl sie schon seit vergangenem Montag Bewerbungsgespräche mit den Familien führen müssten. Nicht alle Volksbildungsstadträte haben wie Wolfgang Schimmang von sich aus "ihre" Schulleiter vorab informell unterrichtet.

Konfrontiert mit den Folgen der Neuregelung werden auch bereits die Grundschulen. "Seit drei Wochen laufen mir zwei Mütter die Türen ein", berichtet etwa Jochen Guhlke, Leiter der Tempelhofer Paul-Klee-Grundschule. Die Frauen machten sich Sorgen, weil ihre Kinder keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen haben. Sie hofften darauf, dass die Klassenkonferenz die Entscheidung revidiert. Dies aber sei nicht geschehen, berichtet Guhlke. Er rechnet damit, dass der "Druck" der Eltern ab Herbst richtig los gehen wird, wenn sie eine Möglichkeit sehen, vorab auf die Gutachten Einfluss zu nehmen. Landeselternratsvorsitzende Christa Mommert hat dafür Verständnis, denn "die Eltern müssen schließlich mit den Folgen des Gutachtens leben".

Bisher hatte die Beurteilung der Grundschule nur empfehlenden Charakter. Die Eltern konnten also etwa trotz Hauptschulempfehlung ihr Kind an einem Gymnasium oder einer Realschule anmelden. Damit haben sie jetzt nur dann Erfolg, wenn es an der gewünschten Schule zu wenig Anmeldungen gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass Geschwisterkinder nicht mehr automatisch genommen werden müssen: Wenn es mehr als zehn Prozent solcher oder anderer Härtefälle gibt, dürfen sie laut Schulgesetz nicht berücksichtigt werden - es sei denn, die Kinder haben die "richtige" Empfelung.

Aus dem Bezirksämtern heißt es, dass erfahrungsgemäß weit über zehn Prozent der Schüler, die sich um einen Schulplatz bewerben, Geschwister an der gewünschten Schule haben. Zwar haben Bezirke wie Tempelhof angekündigt, auch weiterhin alle Geschwisterkinder zu nehmen. Ob sich das durchhalten lässt, bleibt aber abzuwarten.

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