Berlin : "Neues Kreuzberger Zentrum": Am Kottbusser Tor geht die Sonne auf

Katharina Körting

Düstere Sozialprognosen, ein Bombenanschlag, Verfolgungsjagden zwischen Autonomen und Polizisten und die Forderung von Landespolitikern nach einem Totalabriss - Hoffnungsvolles war bisher über das "Neue Kreuzberger Zentrum" am Kottbusser Tor nicht zu hören, im Gegenteil. Dem hässlichen Wohnblock aus den 70er Jahren, der die Adalbertstraße überspannt, drohe, so hieß es unisono, der totale Niedergang. Bewohner, die überwiegend aus Bevölkerungsschichten kommen, die ziemlich weit unten in der Sozialhierarchie stehen, Drogensüchtige, Betonödnis und Müll bestimmen das Bild. Der Platz hinter der Bücherei war noch vor einem Jahr "eine dunkle Grotte", erinnert sich Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Bündnis 90 / Grüne). Doch es gibt Bewegung.

Auf der abweisenden Hinterhofbrachfläche ist für 500 000 Mark ein Spielplatz entstanden. Am Freitag wurde er im Beisein von viel Lokalprominenz eröffnet. Der Aufgang auf der anderen Seite der Adalbertstraße ist abgerissen worden, die Galerie neu gestaltet. ABM-Maler haben die Flure hell gestrichen, immer wieder, jeder neuen Beschmierung zum Trotz. Die türkischen Gewerbetreibenden gründeten eine Interessengemeinschaft. Das berlinweit berüchtigte "NKZ", zu rund 50 Prozent bewohnt von Ausländern, wurde ersetzt durch die Bezeichnung "Zentrum Kreuzberg" und mit einem freundlichen Logo ausgestattet: gelber Bogen über grünem Punkt, als ginge tatsächlich die Sonne auf über den Balkonen mit ihren großen Satellitenschüsseln. Und viele der rund 1000 Bewohner in den 297 Wohnungen engagieren sich, damit ihr Haus nicht völlig ins Asoziale abgleitet.

"Es hat sich viel verbessert", meint die 65-jährige Ingeborg Raddatz, die gleich nach der Fertigstellung vor 27 Jahren eingezogen ist und im Mieterbeirat mit wirkt. Sauberer sei es geworden, findet auch der zuständige Kontaktbereichsbeamte Bernd Künder, obwohl die Drogen- und Beschaffungskriminalität dieses bei der Polizei als "gefährlicher Ort" eingestuften Kreuzberger Fleckchens nicht gesunken sei. Und für den Alt-Mieter Horst Wiesner ist mit der Eröffnung des Spielplatzes sogar "ein Traum Wirklichkeit geworden". Einen solchen Platz gab es nämlich in der Umgebung nicht.

Auch die vom Senat eingesetzten Quartiersmanager, seit zwei Jahren im Einsatz rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor, verbuchen - vorsichtig - erste Erfolge ihrer Arbeit. Ab Dezember werde ein Sicherheitsdienst, ebenfalls von ABM-Leuten, patrouillieren, um die Fixer davon abzuhalten, in den Hausfluren zu überwintern oder zu sterben. "Die Mieter haben Druck gemacht, wir haben ihnen geholfen", sagt Sylvia Kahle, eine von vier Quartiersmanagern. Dabei war der Geschäftsführer der Eigentümerin des Hauses, die Kommanditgesellschaft Zentrum Kreuzberg, zunächst gar nicht dafür. Peter Ackermann ist ebenfalls vor zwei Jahren angetreten, um "sein Haus" zu verändern. "No is no answer" sei sein Motto. Von den meisten Mietern und Kaufleuten wird der Charlottenburger Anwalt fast wie ein Heilsbringer verehrt. Auch Bürgermeister Schulz hält den 61-Jährigen, der das "NKZ" zur Chef-Sache erklärte, für einen "Glücksfall". Der Geschäftsführer hat einen Ladenraum im Erdgeschoss zum "Café Aktuell" umfunktioniert, einem Mietertreffpunkt gegenüber dem Spielplatz, welchen er als "künftiges Herzstück" des Wohnblocks ansieht. Ackermann habe für Ordnung gesorgt, sagt Mieterin Raddatz, die sich als "Kiez-Mensch" bezeichnet: Sie ist in Kreuzberg geboren, hat dort ihre Söhne zur Welt gebracht, kranke Alte gepflegt, ihren ersten Mann begraben, und nun werde alles besser.

Nicht nur die Quartiersmanager sind sich einig, dass es aufwärts geht mit dem ehemaligen NKZ. Als Nächstes werden die Blockspitzen rund um den Platz am U-Bahnhof verschönert. Den Kleinkinder-Spielplatz soll schon im Frühjahr ein Bolzplatz auf der anderen Seite des Häuserblocks ergänzen. Zwar wird aus dem schmutzig-grau-gelben Gebäude wohl auch künftig kein architektonisches Glanzstück. Und die Geschwindigkeit der Verbesserungen gleicht, so formuliert es Ackermann, "nur selten derjenigen eines Eilzuges". Doch nicht nur Ingeborg Raddatz ist voller Hoffnung: "Das ist schließlich meine Heimat".

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