Berlin : Neues Leben im alten Kranhaus

Großer Andrang beim Tag des offenen Denkmals Auch heute sind noch viele Bauwerke zu entdecken

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Welches Glück muss das sein: ein Haus mit Privatstrand an der Spree zu haben, ohne Nachbarn, Industriemief oder andere lästige Dinge. Sven Thomsen lebt unter solchen glücklichen Umständen. Er hat einen alten Ladekran in Oberschöneweide gekauft und umgebaut. Hier arbeitet der Möbeldesigner und stellt seine Arbeiten aus. Abends kann er am Fluss sitzen.

Sein Kranhaus war gestern eine der Attraktionen am „Tag des offenen Denkmals“, der sich in Berlin über das ganze Wochenende erstreckt (Programminfos unter 25796771; im Internet unter www.tagdes-offenen-denkmals.de). Im Stadtbad Steglitz drängelten sich die Besucher ebenfalls. Die Koordinatorin des Denkmaltags, Christine Wolf, musste mit dem Taxi zum Stadtbad fahren, weil die Programmhefte vergriffen waren. Bei der Info-Hotline klingelten die Telefone Sturm.

Oberschöneweide gehörte zu den historischen Zentren der Berliner Großindustrie. Über zwei Kilometer reihen sich denkmalgeschützte Industriebauten am Flussufer entlang: darunter die ehemalige Lampenfabrik Frister, das Gebäude der Nationalen Automobilgesellschaft mit dem Peter-Behrens-Turm – und eben das einst riesige AEG-Kabelwerk Oberspree. Zwei Jahre lang hat Sven Thomsen mit verschiedenen Behörden verhandelt, bevor er die Erlaubnis bekam, den Kran denkmalgerecht zum Wohn- und Atelierhaus umzubauen. „Einige 100 000 Euro“ habe er investiert, Fenster und eine Heizung eingebaut. Die Heizkörper wirken wie schwarze Vorhänge. Der Ausstellungsraum, der am Denkmaltag zu besichtigen ist, könnte auch Sven Thomsens Wohnzimmer sein: hier steht Mobiliar, das für den Raum wie geschaffen scheint. Fertig ist er mit der Kransanierung noch lange nicht. Im nächsten Jahr wird der Stahlarm des Krans entrostet und aufgearbeitet.

Hinter der historischen Fassade eines anderen Berliner Industriebaus ist die moderne Technik nicht zu übersehen. Bei der Modernisierung des Kraftwerks Moabit wurde dem Gebäude ein neuer Heizblock eingepflanzt. Von der damals mehr als 100 Meter langen Maschinenhalle steht nur noch ein kleiner Teil; dort ist noch eine alte Dampfturbine zu sehen, die bis 1986 in Betrieb war. Heute erzeugt das Heizkraftwerk Moabit Strom für 256000 Haushalte.

Als Oberthema war diesmal „Denkmal und Wasser“ ausgewählt worden. Angeboten werden unter anderem Spaziergänge zu Baudenkmälern an Spree und Landwehrkanal, Besichtigungen von Wassertürmen und Wasserwerken sowie Führungen durch Stadtbäder. Erstmals seit 60 Jahren soll heute zwischen 10 und 17 Uhr einer der beiden Türme der Oberbaumbrücke zwischem Kreuzberg und Friedrichshain für Besucher geöffnet werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist heute um 15 Uhr ein dreistündiger Spaziergang „Über sieben Brücken“ der insgesamt 1662 Berliner Brücken, von der Jannowitzbrücke bis zur Weidendammer Brücke, verbunden mit spannenden Geschichten. Mit dem Mühlendamm bauten die Berliner ihre erste Brücke, und um 1900 hatte die Stadt an der Spree die Metropolen London, Paris und St. Petersburg in der Zahl der Brücken bereits abgehängt. chr/dpa

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