Berlin : Neues Leben im toten Palast

Bis zum 17. November zeigt die Ausstellung „Zwischenpalastnutzung“, wie der Rohbau genutzt werden könnte

Lothar Heinke

Teile vom Palast der Republik sollen nach der Asbestsanierung, spätestens im Sommer 2003, künstlerisch genutzt werden. Das „Studio urban catalyst“ der Technischen Universität erarbeitete ein Konzept, das seit gestern in einer Ausstellung im Staatsratsgebäude präsentiert wird. Danach füllt die „Zwischenpalastnutzung“ eine Art „Zeitlücke“ zwischen der jetzt beendeten Sanierung und einer eventuellen Neubebauung, die nicht vor 2006 zu erwarten ist. „Wir wollen dabei den Ort beleben, das Gebäude für zahlreiche Initiativen zugänglich machen“ und „eine kritische und innovativ-experimentelle Auseinandersetzung mit Geschichte und Zukunft des Ortes führen“, sagt Philipp Osswalt von dem TU-Studio. Die Künstler möchten mit der Öffnung des Volkskammersaals „bewusst Abschied nehmen von einem Gebäude, das wie kein anderes für die DDR-Gesellschaft von zentraler Bedeutung war“.

Nur dieser, zum Dom hin gelegene Saal, soll aktiviert und bespielt werden. An den einstigen, mit seinen Sesselreihen ansteigenden Volkskammersaal indes erinnert überhaupt nichts mehr: Da ist ein 14 Meter hoher, 800 Personen fassender Raum aus Rohbeton, mit tragenden Säulen und Stahlträgern. Das Konzept beruht auf dem Prinzip, die baulichen Eingriffe und damit Investitionen minimal zu halten und zugleich alle für eine Nutzung baurechtlich notwendigen Maßnahmen im Hinblick auf Verkehrssicherheit und Brandschutz sowie der Bereitstellung einer Grundinfrastruktur umzusetzen. Der Bund als Besitzer hat signalisiert, dass er nichts gegen eine Zwischennutzung einzuwenden habe. Damit wären alle beteiligten Seiten einverstanden, sagte Kulturstaatsministerin Christian Weiss am Mittwoch im Bundestag. Langfristig müsse der Palast jedoch abgerissen werden. Allerdings macht der Bund deutlich, dass ihn der Spaß nichts kosten darf. Das heißt: Wer immer hier Theater spielt, muss die Voraussetzungen schaffen.

Die von der Oberfinanzdirektion angesetzte Summe von mindestens zehn Millionen Euro halten die Konzeptkünstler für total überzogen – nach einem Gutachten sprechen sie von 1,2 Millionen Euro. Dafür kämen nur private Finanzierungsformen in Frage. Urban catalyst denkt sich das so: „Einem finanzstarken Konzern wird das Gebäude für ein Auftakt-Event oder eine regelmäßige Bespielung (etwa drei Mal im Jahr für eine Woche) überlassen, wobei dieser Sponsor die ganze Grundinfrastruktur finanziert und realisiert und für weitere Nutzungen unentgeltlich überlässt. Der Sponsor profitiert von der Symbolhaftigkeit des Ortes und dem großen öffentlichen Interesse und nutzt dies für eine kurz befristete Zeit zu seinen Werbezwecken.“

Verdeckt also bald ein Nike-Motiv oder eine Coca-Cola-Flasche die marode Schlossplatz-Front vom einstigen „Haus des Volkes“? Cindy Crawfords Lächeln statt erloschener Schimmer hinter den brauen Scheiben von Erichs Lampenladen? Es wird ein Förderverein gegründet, der zu einer öffentlichen Spendenaktion aufrufen wird, möglich sind auch Spaziergänge durch das ganze Gebäude – gegen Eintritt. Das Interesse, im Palast-Rest Kultur zu machen und Kunst zu installieren, ist groß. „Täglich drei bis fünf Anfragen“ bekommt die Oberfinanzdirektion; die Zwischennutzer waren am schnellsten, und mit ihnen die Staatsoper, die Sophiensäle, das Technikmuseum, der WMF-Club und ein „Forum junge Bewegungskultur“ mit zum Teil etwas skurilen Projekten, bei denen mancher das ganz große Stück oder eine Inszenierung, von der die Stadt spricht, vermissen mag. Aber das Geringste ist besser als gar nichts.

Schon weckt der Ort große Begierden. So soll Volker Schlöndorff von einem „Fidelio“ in der Volkskammersaal-Ruine träumen, während Thomas Krüger von einer Ausstellung zur Geschichte der Rockmusik in Ost und West spricht. „Statt Abbruch Aufbruch“ bringt Krüger die Idee auf den Punkt, und einen Aufruf zur Zwischennutzung unterschrieben schon Günter Grass, Daniel Barenboim, Andreas Dresen, Peter Mussbach und O. M. Ungers. Nun muss nur noch Geld in die Ruine…

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