Berlin : Neues Projekt: Der Beruf kommt in die Schule

Jeannette Goddar

Es ist jedes Jahr das gleiche Bild, das sich dem Schulleiter der Hellersdorfer Erich-Maria-Remarque-Oberschule kurz nach Beginn des Ausbildungsjahres bietet: Wenn er zählt, wie viele derer, die vor den Sommerferien die Schule verlassen haben, einen regulären Ausbildungsplatz gefunden haben, stellt er fest: etwa jeder Vierte. "Alle anderen", so Matthias Morgenstern, "sitzen zwar auch nicht auf der Straße, aber dafür in wenig motivierenden Warteschleifen."

Das soll sich jetzt ändern. Gemeinsam mit dem Bezirksbetreuer der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie einigen Wirtschaftsjunioren hat Morgenstern für den heutigen Mittwoch die lokale Ökonomie an die Oberschule gelotst: Einen ganzen Tag lang werden Ausbilder wie Auszubildende verschiedener Unternehmen zu einem Projekttag an die Schule kommen. In 16 Workshops sollen die 240 Schüler sich über verschiedene Berufe informieren, typische Bewerbungssituationen durchspielen oder sich belehren lassen, wie das Leben in der Berufsschule so ist.

Auf diesem Weg, sagt Morgenstern, "wollen wir damit beginnen, die Jugendlichen besser auf das Leben nach der Schule vorzubereiten und auch den Betrieben die Chance geben, Schüler einmal anders kennenzulernen und vielleicht den ein oder anderen Kontakt zu knüpfen."

Partner gesucht

Der Projekttag soll aber nur den Auftakt darstellen für eine breite Kooperation zwischen der Remarque-Oberschule und einem oder mehreren ortsansässigen Unternehmen. Damit ist die Hellersdorfer Schule eine der ersten, die sich an dem Projekt "Partnerschaft Schule-Betrieb" beteiligt, das die IHK Anfang September der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Mit den Schulpartnerschaften soll ein weiterer Anlauf unternommen werden, Schulen mit der Wirtschaft zu verkuppeln - in diesem Fall allerdings möglichst unbürokratisch, kieznah und unakademisch. Man wolle, so Werner Gegenbauer, Präsident der Berliner IHK, die gemeinsam mit der früheren Bildungssenatorin Sybille Volkholz (Grüne) das Konzept entwickelt hat, konkrete Partnerschaften und keine "weltumspannenden Aktionen".

So ging Gegenbauer auch als einer der ersten mit gutem Beispiel voran und unterzeichnete für seine Gebäudereinigungs-Firma in Prenzlauer Berg ein Kooperationsabkommen mit einer benachbarten Oberschule. Gegenbauer stellt sich vor, dass deren Schüler künftig durch Praktika die Realität im Betrieb kennenlernen sollen, aber im Gegenzug auch Azubis in die Schule gehen und mit Schülern reden sollten. Damit die Schule auch etwas von ihrem Potenzial einbringen kann, sollen nach Möglichkeit dort künftig Räume für Schulungen bereitgestellt werden oder Lehrer und Schüler bei Übersetzungen helfen. Auch Kooperationen bei der Mitarbeiterzeitung oder Betriebsausstellungen seien denkbar.

Zur Begründung für das Engagement der IHK erklärt Gegenbauer, das Verhältnis zwischen Schule und Wirtschaft sei immer noch "sehr diffus". Viele Schüler hätten "keine Ahnung, was im Betrieb tatsächlich auf sie zukommt. Viele Arbeitgeber verstehen andereseits überhaupt nicht, warum die Schüler dieses und jenes nicht können. So kommt es auch in der betrieblichen Realität oft zu Konflikten." Gegenbauer warnt aber auch jetzt bereits davor, dass es in der Praxis vielleicht nicht ganz leicht sei, viele Betriebe zur Zusammenarbeit zu bewegen: "Wir müssen unbedingt aufpassen, dass das nicht so eine pädagogiklastige Veranstaltung wird."

Vermittelt werden sollen die Kontakte mithilfe von Sybille Volkholz sowie der IHK-Bezirksbeauftragten. Zunächst laufen in diesen Wochen fünf Patenschaften an. Bis zum Jahresende hofft man auf zehn bis zwanzig. Grundsätzlich, sagt Sybille Volkholz, die das Projekt koordiniert, habe sich auch in vielen Unternehmen die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Beteiligung an schulischen Prozessen sinnvoll sei. "Gerade Mittelständler fürchten aber oft, mit der Übernahme zusätzlicher Aufgaben überfordert zu werden", so Volkholz, "dort setzt das Programm an: Alle Beteiligten können selbst entscheiden, wieweit die Partnerschaft gehen soll."

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