Berlin : Neues Schloss, neues Viertel?

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann sieht jetzt die Chance, ein vergessenes Quartier zu bauen

Christian van Lessen
241916_0_51457c87.jpeg
Stimmann

Ist die Schloss-Entscheidung der Anstoß für ein neues „altes“ Viertel? „Ich glaube nicht, dass das Schloss vor dem Marx-Engels-Forum stehen kann. Das ergibt keinen Sinn aus der Geschichte“, meinte gestern der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Nach der Entscheidung für die Schloss-Figur des Humboldt-Forums müsse über die Umgebung gerade östlich des Neubaus nachgedacht werden. Stimmann befürwortet die Rekonstruktion des einstigen Quartiers zwischen Marienkirche und Rotem Rathaus – etwa mit bürgerlichen Stadthäusern wie auf dem Friedrichwerder. Er ist sicher: „Die Debatte wird sich radikal verändern.“

Stimmann, der am Tag der Entscheidung in Vicenza war – wo Wettbewerbsgewinner Franco Stella arbeitet – ärgert sich über die „belanglose Grünfläche“ gegenüber dem Schloss-Areal. Schon in den neunziger Jahren hatte der Spreeinsel-Wettbewerb das nach Kriegszerstörungen und Abriss versunkene historische Viertel in Erinnerung gebracht. Architekt Stephan Braunfels gehörte zu denen, die zumindest ein „Öffnung“ des Schlosses Richtung Osten vorschlugen um das Areal aufzuwerten. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte in letzter Zeit wissen lassen, sie könne sich eine Diskussion über die Bebauung des Marienviertels vorstellen. Angefacht werde die Debatte sicher erst, wenn das Humboldt-Forum fertig sei, nicht vor 2013. Der Neubau müsse erst wirken, hieß es in der Behörde. Vielleicht mache sich dann das Fehlen einer Stadtkante gegenüber der Spree bemerkbar.

Stimmann wiederum ist überzeugt, dass mit den Entwürfen für das Humboldt-Forum jetzt die Zeit reif ist, über die Umgebung des Bauwerks nachzudenken. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) meinte am Freitag, die „große städtebauliche Geste“ der DDR-Architektur mit der großen Freifläche zwischen Alexanderplatz und Humboldt-Forum müsse erhalten bleiben, dürfe kein „kleinteiliges Stadtviertel“ werden.

Schon 1996 hatte ein erster Entwurf des Planwerks Innenstadt die Rekonstruktion des Stadtbilds rund um die alte Marienkirche vorgeschlagen. Mittelpunkt des damaligen Viertels war die Heiligegeiststraße, an die heute eine kurzer Stummel als „Gasse“ am Dom Aquarée an der Karl-Liebknecht-Straße erinnert. Das Altstadtviertel bestand aus einem kleinen Straßengeflecht, Lessing und Moses Mendelssohn lebten hier, Fontane flanierte, das Denkmal von Marx und Engels setzt ein Orientierungszeichen: Hier war die Heiligegeiststraße 16. Stimmann will sie von hier auch nicht vertreiben, ihnen freien Raum lassen.

Freier Raum wird hier auf absehbare Zeit auch wegen der geplanten Verlängerung der U-Bahnlinie 5 benötigt. Das Marx-Engels-Forum soll als Platz für die Baustellen-Einrichtung freigehalten und aufgegraben werden, etwa in zwei Jahren. Über die Verlegung des Neptunbrunnens muss noch entschieden werden.

Die Stadt besinnt sich ihrer Wurzeln auch jenseits des rekonstruierten Nikolaiviertels. Sie verdichtet sich um die Friedrichwerdersche Kirche, Hausvogteiplatz und Klosterstraße. Stimmann setzt auf die Historie. In Vicenza besuchte er gestern eine Ausstellung zum 500. Geburtstag des Architekten Andrea Palladio.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben