Neues Theater in Kreuzberg : Die "Vierte Welt" sucht Raum für Utopien

Im Neuen Kreuzberger Zentrum an der Adalbertstraße hat ein Theater eröffnet - die "Vierte Welt". Es soll ein Ort sein, an dem eine neue Form des Miteinanders erprobt und vorgeführt wird.

Michael Götting
Das Theater "Vierte Welt" ist im Neuen Kreuzberger Zentrum (NKZ) beheimatet. Der Blick von den Gleisen der U1 auf das NKZ. Foto: Erdoğan YıldızAlle Bilder anzeigen
Foto: Erdoğan Yıldız
12.05.2011 13:35Das Theater "Vierte Welt" ist im Neuen Kreuzberger Zentrum (NKZ) beheimatet. Der Blick von den Gleisen der U1 auf das NKZ.

"Man muss den Mut haben, Gebäude wie das Neue Kreuzberger Zentrum oder den Sozialpalast in Schöneberg zu sprengen", sagte Klaus-Rüdiger Landowsky 1998 in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Seitdem sind dreizehn Jahre vergangen. Das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) steht noch immer.

Und nicht nur das. Seit ungefähr zwei Jahren ziehen junge Unternehmer in die Ateliers auf der Galerie des NKZ. Architekten, Künstler, Designer, die auf der Suche nach günstigen Arbeitsräumen in dem Bau über der Adalbertstraße fündig geworden sind. Zu den jungen Unternehmern und Künstlern gesellt sich seit November das Theater "Vierte Welt". Es liegt am hinteren Ende der Galerie. Ein unscheinbarer Ort, umgeben von einem Spielplatz, auf dem die dritte Generation türkischer Einwandererkinder herumtollt.

Dirk Cieslak ist Mitbegründer des Theaters. Ein Einsneunzig-Mann, Mitte 40, mit kurzen braunen Locken. Er sitzt auf einem Klappstuhl aus weißem Plastik im Theaterraum, der zugleich Bühne, Zuschauersaal und Foyer ist. "Wir haben im letzten Jahr hier ein Büro gemietet für Tischproben und haben uns sofort wohlgefühlt", sagt Cieslak. "Es ist eine sehr urbane Situation, die man nicht hat, wenn man irgendwo am Stadtrand oder in einer Fabriketage in einem abgedunkelten Proberaum Theater macht".

Und außerdem, fügt Cieslak hinzu, sei das Neue Kreuzberger Zentrum "eine Utopie, die nie funktioniert hat" und verweist auf das Vorhaben aus den 70er Jahren, eine Autobahn an der Rückseite des Gebäudes zu bauen. Eine autogerechte Stadt sollte entstehen. "Das erzeugt eine ganz besondere Stimmung, in so einer gescheiterten Utopie zu arbeiten und sich die Frage zu stellen, was ist eigentlich heute Utopie, wie kann man Utopie heute formulieren."

Genau das sind auch die Fragen, mit denen sich die dritte Produktion des Theaters Vierte Welt befasst. "Treffen sich zwei alte Kommunisten" lautet der Titel des aktuellen Stücks, in dem eine ost- und eine westdeutsche Biografie durch das Thema Kommunismus als einer Utopie des 20. Jahrhunderts miteinander verknüpft wird. Darin geht es auch um die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Architektur, Kunst und Gesellschaftskonzepten.

"Wir wollen über die Konsenskultur hinausgehen und einen Denkraum öffnen, der darüber liegt", sagt Cieslak. Wenn es nach ihm geht, soll die Vierte Welt ein Ort sein, an dem ein anderes Miteinander erprobt und eingeübt werden kann. "Es geht darum, gemeinsam über etwas nachzudenken, gewisse Haltungen, Techniken des Miteinanders, des sich gegenseitigen Berührens zu entwickeln".

Cieslak stellt sich die Vierte Welt als einen Ort vor, der als Prototyp für eine andere Form des Produzierens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens dienen kann. Man will einen offenen Arbeitsprozess, einen transparenten Arbeitsstil entwickeln. Bereits während der Probephase zu "Treffen sich zwei alte Kommunisten" lud das Theater ein, gemeinsam mit den Machern des Stücks und Intellektuellen über das Thema Utopie zu diskutieren. Dabei wurde nicht nur geredet, sondern auch gespeist. Unter dem Motto "Heim und Herd" bekocht die Vierte Welt ihr Publikum regelmäßig.

Das bietet sich an. Die Vierte Welt ist etwa so groß wie zwei geräumige Wohnzimmer. Dadurch kommt bei den Aufführungen eine intime Atmosphäre zustande. Cieslak ist das wichtig. Er sagt, man wolle einen Ort schaffen, der eine möglichst intensive Beziehung zum Publikum zulässt. "Ideal ist es eigentlich, wenn der Zuschauer etwas sagen möchte", beschreibt Cieslak die Intention der Theaterleute.

Zwischen 20 und 30 Zuschauer fasst das kleine Theater im Neuen Kreuzberger Zentrum. Darunter sind junge Leute aus der Theaterszene, experimentierfreudige Theaterfans, Intellektuelle und Studenten. Die Bewohner des Neuen Kreuzberger Zentrums gehören wohl noch nicht dazu. "Mit der Zeit muss man herausfinden, wo es Berührungen gibt", sagt Cieslak, "wo es vielleicht auch Bedürfnisse von Seiten der Bewohner gibt. Und dann schauen wir, wo man zusammenkommen kann".

Am 13. und 14. Mai um 20.30 Uhr ist “Treffen sich zwei alte Kommunisten” im Theater "Vierte Welt” zu sehen.

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