Berlin : Neugeborenes im Baumarkt getötet: Mutter muss in Haft

Baby erlag schweren Kopfverletzungen / Gericht verurteilt 23-Jährige wegen Totschlags

Katja Füchsel

Nadine T. hatte das letzte Wort, erhob sich im Gerichtssaal und beteuerte noch einmal mit leiser Stimme, dass sie bis heute wirklich nicht wisse, „was passiert ist“, damals auf der Toilette des Baumarkts. Vergeblich – das Gericht glaubte der 23-jährigen Verkäuferin nicht und verurteilte sie wegen Totschlags im minder schweren Fall zu drei Jahren und sechs Monaten Haft. „Sie wollte den Tod des Kindes sicherlich nicht“, sagt Richter Hans Luther. Doch als sie bei der Geburt auf der Toilette in ihrer Panik den Kopf des Neugeborenen „mit grober Gewalt“ zusammendrückte, habe sie die „Gefährlichkeit ihres Handelns“ erfasst. Bedingten Vorsatz nennen die Juristen das.

Nadine T. hat im Prozess oft geweint, der Urteilsbegründung lauscht sie mit unbewegter Miene. „Wir überlegen noch, ob wir in Revision gehen“, sagt die Verteidigerin. Denn sie und ihre Mandantin bleiben dabei: Nadine T. habe ihre Schwangerschaft verdrängt, bevor sie am 11. November auf der Toilette von der Niederkunft überrascht wurde. „Da waren Schmerzen, Kälte, Hitze, Übelkeit – dann hatte ich irgendetwas in der Hand.“ So hatte Nadine T. die Geburt beschrieben. Kollegen hatten an diesem Morgen die Feuerwehr gerufen, nachdem Nadine T. nicht mehr zurückkam. Eher zufällig entdeckten die Retter dann das Baby in der Toilettenschüssel unter dem zugeklappten Deckel. Es hatte so schwere Kopfverletzungen, dass es nur elf Tage überlebte. „Sie hat keine Initiative ergriffen, um die schlimmsten Folgen zu verhindern“, wirft der Richter Nadine T. vor.

Die Version mit der verdrängten Schwangerschaft hatten schon der Staatsanwalt und der Sachverständige Nadine T. nicht abgenommen. Der psychiatrische Gutachter beschrieb die 23-Jährige als „reifeverzögerte, sehr kindlich wirkende Frau“, das „Nesthäkchen der Familie“, das von Vater und Mutter eher verzogen als erzogen wurde. Nachdem sich ihr Freund im März 2006 von ihr getrennt hatte, habe die Schwangerschaft Nadine T. in einen schweren inneren Konflikt gestürzt, so der Gutachter. Richter Luther formuliert das auf seine Art: „Sie wollte so weiterleben, wie sie es bislang gewohnt war.“ Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Nadine T. ihre Schwangerschaft nicht verdrängt, sondern einfach nicht wahrhaben wollte. Deshalb habe Nadine T. beispielsweise nie einen Schwangerschaftstest gemacht und gegenüber ihren Kollegen Krankheiten erfunden, um ihren stetig wachsenden Bauch zu erklären. „Das macht man nur, wenn man etwas ahnt“, sagt der Richter.

Die Verteidigerin hatte in ihrem Plädoyer Freispruch gefordert, der Staatsanwalt vier Jahre Gefängnis. „Wir wollten mit dem Urteil ein deutliches Signal setzen“, sagt Luther zum Schluss und begründet dies mit einer These, die sich statistisch aber kaum belegen lässt: „Es kommen immer häufiger Kinder um.“

Die Familie T. war nach dem Schuldspruch trotzdem wieder vereint. Weinend lagen sich Vater, Mutter und beide Töchter in den Armen, bevor sie gemeinsam nach Hause fuhren. Ihre Haftstrafe darf Nadine T. später antreten, vielleicht kommt sie auch gleich in den offenen Vollzug.

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