Neukölln : Ein Kiez steht Modell

Eine Image-Kampagne soll die High-Deck-Siedlung auf Hochglanz bringen. Dafür werden die Bewohner fotografiert – von Jim Rakete.

Rita Nikolow
Rakete fotografiert in Neukölln
Die 15-jährige Selin Dörthades posiert für Jim Rakete. -Foto: Oliver Wolff

Normalerweise fotografiert Jim Rakete, der mit Nachnamen wirklich so heißt, Prominente wie Harald Schmidt, Wim Wenders oder Cosma Shiva Hagen. Die Menschen, die heute vor seiner Kamera stehen, sind weder professionelle Musiker noch Schauspieler. Was sie alle verbindet, ist der Kiez, in dem sie leben: Die High-Deck-Siedlung an der südöstlichen Sonnenallee in Neukölln. 5000 Menschen leben in dem Kiez, der in Berlin allgemein als Problembezirk gilt.

Theresa Kwitzinksi ist heute ins improvisierte Fotostudio gekommen, um für ihre Siedlung Gesicht zu zeigen. Die 48-jährige Hausfrau mit den kurzen, blonden Haaren lebt seit 20 Jahren hier und fühlt sich wohl. Ganz ruhig steht Jim Rakete vor seinem Model, gibt Anweisungen wie: „Bitte noch einen kleinen Schritt nach vorne“ oder: „Lächeln Sie doch bitte etwas mehr“. Dem Star-Fotografen macht die Arbeit mit den „normalen Menschen“ Spaß, nach den einzelnen Shootings unterhält er sich gerne noch ein paar Minuten. Zum Beispiel über seinen Hasen Audrey Karstadt – welch ein Name. „Audrey wegen der Eleganz, Karstadt, weil ich ihn dort gekauft habe“, sagt Rakete. In Auftrag gegeben hat das Shooting Simon Gielstra, Projektleiter der Capricormus High Residential GmbH, die die „High Decks“ vor einem Jahr gekauft hat und bis zum Frühjahr 2009 sanieren und begrünen will. „Wir wollen die Siedlung mit der Aktion bekannter machen“, sagt Gielstra. „Und wir wollen den Menschen, die hier leben, ein neues Selbstbewußtsein geben.“

Die schönsten Fotos, die gerade im Sonnencenter entstehen, sollen im Rahmen einer Imagekampagne für den Kiez plakatiert werden. Mehr als 30 Anwohner lassen sich fotografieren. Alle haben einen Gegenstand mitgebracht, der ihnen besonders viel bedeutet. Theresa Kwitzinski hält ihr Lieblingsbuch in den Händen: „Weil ich dich liebe“, von Cecilia Ahern. Statt eines Gegenstandes hat Nevin Fidan ihre beiden Töchter Nevran und Büsra mitgebracht. Die gebürtige Türkin lebt seit vier Jahren in der High-Deck-Siedlung. Sie fühlt sich integriert und findet, dass ihre Kinder hier gut aufgehoben sind.

„Das Shooting war toll“, sagt die neunjährige Nevran, und fährt sich durch die langen schwarzen Haare. In der im Nebenraum aufgebauten Maske lässt sich ein älteres Ehepaar für den Auftritt vor dem Kamera stylen. Seit 23 Jahren leben die beiden im Viertel, sind im Unterschied zu vielen anderen dort aber nicht restlos zufrieden: „Ich bedauere, dass so viele Deutsche von hier wegziehen“, sagt der Rentner. Das sei schlecht für die Mischung in der Siedlung.

Der Rechtsanwalt und Schriftsteller Friedrich Lautemann lebt dagegen erst zwei Jahre hier. Er ist zufrieden mit seinem Wohnort. „Ich biete dem einen oder anderen Bewohner schon mal meine juristische Unterstützung an“, sagt er.

Warum es ihm hier so gut gefällt, dafür hat Lautemann beim Fotoshooting die originellste Begründung parat: „Ich schätze die Nähe zu meinem Sohn, und die wunderbaren Gerüche von Jacobs Krönung“, sagt er. Der Kaffeeduft, den er meint, kommt nicht aus den Nachbarwohnungen. Jacobs hat in Neukölln eine Rösterei.

DER FOTOGRAF

Der 57-jährige Fotograf und Fotojournalist wurde durch seine Schwarz-Weiß-Portraits von Prominenten bekannt. Von 1977 bis ’87 war er Macher der Kreuzberger Agentur „Fabrik“, fotografierte Musiker der Neuen Deutschen Welle, arbeitete als Musikproduzent und Manager. Seit 1987 widmet er sich wieder ganz der Fotografie, zunächst von Hamburg, seit 2001 aber erneut von einem Studio in Kreuzberg aus.

DAS MOTIV

Die „High-Deck-Siedlung“ an der Sonnenallee in Neukölln wird geprägt durch eine architektonische Besonderheit: Über mehrere Straßen hinweg verbinden Fußgängerbrücken die vier- bis sechsgeschossigen Häuser. Sie gilt als sozialer Brennpunkt. Die Situation eines Großteils der 5000 Bewohner hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Seit 1999 arbeitet ein Quartiersmanagement an Verbesserungen. Tsp

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