Berlin : Neukölln, ganz anders

Der Bezirk wird häufig nur mit negativen Schlagzeilen verbunden. In der Hufeisensiedlung ist davon wenig zu spüren. Dort ziehen verstärkt junge Familien hin

Fatina Keilani

Problembezirk Neukölln? Graue Mietskasernen, soziale Brennpunkte? Nicht für die Neuköllnerin Claudia Fintelmann. Sie blickt aus dem Fenster in ihren Garten, in dem ihre drei Kinder ein Baumhaus haben. Im Sommer gibt es Erdbeeren direkt vom Strauch, und an den warmen Abenden sitzt die Familie in der lauen Luft und genießt die Ruhe. Der Garten ist rund 450 Quadratmeter groß und liegt mitten in der Stadt, genauer: in Britz, einem Ortsteil von Neukölln. „Wir sind vor drei Jahren aus Moabit hergezogen und haben es noch nicht einen Tag bereut“, sagt Fintelmann. „Unser Freizeitwert ist enorm gestiegen, und zugleich sind wir mit der U-Bahn super angebunden.“ Der U-Bahnhof Blaschkoallee ist nur zwei Stationen vom S-Bahnhof Neukölln entfernt, und man ist direkt in einer anderen Welt. Die Autobahn ist in zwei Minuten erreicht, der Kudamm in 20 Minuten.

Berlinern ist die Hufeisensiedlung ein Begriff, doch die meisten Zugezogenen haben nie davon gehört. „Als ich im Prenzlauer Berg erzählte, dass wir nach Neukölln ziehen, gingen die Augenbrauen reihenweise hoch“, sagt Christina Jenschke, die mit ihrem Mann kürzlich ein Haus in der Siedlung bezogen hat. „Und als ich beschrieb, es gebe dort Reihenhäuser zu unter 200 000 Euro, waren alle noch erstaunter.“ Wo doch in Prenzlauer Berg derzeit „Town Houses“ der Renner sind, die das Doppelte kosten, aber schmaler sind und nur winzige Gärten haben.

Die Häuser der Hufeisensiedlung sind klein – keines hat mehr als 120 Quadratmeter Wohnfläche, plus 40 Quadratmeter Keller. Die meisten haben Gärten von 250 bis 300 Quadratmetern Größe. Die Straßen der Hufeisensiedlung sind nach Figuren und Romantiteln von Fritz Reuter benannt und heißen Onkel-Bräsig-Straße oder Paster-Behrens-Straße, Lining- oder Miningstraße. Die Hufeisen-Häuser stehen unter Denkmalschutz, denn die Siedlung wurde schon in den 1920er Jahren gebaut und war damals richtungsweisend. Auch heute fahren noch regelmäßig Touristenbusse vor; besonders Architekturstudenten und Fans des Architekten Bruno Taut pilgern hin.

Der Denkmalschutz hat Vor- und Nachteile: Drinnen hat man Gestaltungsfreiheit, aber über die Außenansicht wacht ein gestrenger Herr vom Amt, der regelmäßig in der Siedlung spazieren geht. Es ist alles vorgeschrieben: Das Rot, Weiß, Gelb und Blau der Fassaden, Art und Größe von Haustür und Fenstern, die Biberschwanz-Dachziegel – das Erscheinungsbild soll einheitlich sein, schließlich soll die Siedlung in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen werden, und dafür darf dieses Erbe nicht verwässert werden. Zu den Vorteilen gehört, dass die Renovierungskosten von der Steuer abgesetzt werden können.

Besonders Architekten scheinen sich für die Häuser zu interessieren. Patrick Roos und Anja Hoffmann zogen 2004 ein, nachdem sie ihr Haus sehr strikt und gradlinig modernisiert hatten; es war sogar kürzlich als besonders gelungenes Beispiel im Architekturmagazin „Häuser“ zu sehen. Eine weitere Architektin hat gerade mit ihrem Mann ein paar Meter nördlich gekauft. Der Denkmalschutz schreckte sie nicht. „Ich finde das sogar gut“, sagt Anja Hoffmann. „Das gibt einem die Garantie, dass der Nachbar nicht plötzlich seine neue Haustür im Baumarkt kauft.“

In der beschaulichen, ja, auch spießigen Reihenhaussiedlung werden immer wieder Häuser frei. Eigentümerin ist die vormals städtische Gehag, die aber längst privatisiert und im Besitz von Finanzinvestoren ist. Dementsprechend sollen die Häuser, die jahrzehntelang zu mieten waren, jetzt verstärkt verkauft werden. Derzeit findet ein radikaler Wechsel statt: Die Mieter, oft ältere Leute, ziehen weg. Die Käufer sind meist Akademiker in den Dreißigern und Vierzigern mit Kindern. 679 Reihenhäuser gibt es nach Gehag-Angaben in der Hufeisensiedlung, 366 davon sind noch vermietet, 313 verkauft, und 16 stehen leer. Die Kaufpreise liegen zwischen 140 000 und 200 000 Euro, je nach Größe des Grundstücks und Zustand der Immobilie.

Wer dort wohnt, holt seine Freunde nach. So kamen Fintelmanns in die Siedlung, auch die Architekten Roos und Hoffmann und Familie Jenschke. „Für die Kinder ist es super hier“, sagt Anita Plato. „Während wir in Prenzlauer Berg ewig auf einen Kita-Platz hätten warten müssen, haben wir hier sofort einen bekommen. Es gibt viel Grün, der Park des Britzer Schlosses und auch der Britzer Garten haben Hundeverbot, und ringsherum wohnen viele Kinder.“

Nur die Infrastruktur hat sich den neuen Bewohnern noch nicht angepasst. Fast alle hätten gern einen Bioladen und ein schönes Café in der Siedlung. Statt dessen stehen einige Ladenlokale leer. „Den Transitzustand von einem Mieterbestand zu einer jüngeren Generation mit anderen Bedürfnissen spüren wir dort auch“, sagt Gehag-Geschäftsführer Michael Zahn. Aber wenn der Wechsel weiter so schnell vorangeht, wird auch das nur noch eine Frage der Zeit sein.

Die Gehag zeigt gegenwärtig ein neues Musterhaus. Adresse: Hüsung 6.

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