Neukölln : Gegen gewaltbereite Männer hilft Frauen oft nur die Flucht

Neuköllner Fall zeigt: Annäherungsverbote garantieren keinen Schutz. Der 57-Jährige, der seine Ex-Frau mit dem Auto anfuhr, ist weiter auf der Flucht.

Tanja Buntrock

BerlinDas "Annäherungsverbot", das ihm das Gericht auferlegt hatte, scherte Kazim K. offenbar nicht. Dienstag früh lauerte er seiner 20-jährigen Ex-Freundin vor einem Neuköllner Lokal auf und stürmte mit einem Messer auf sie zu. Gestern wurde der 22-Jährige dem Haftrichter vorgeführt, der erließ Haftbefehl, weil Kazim K. gleich drei Straftaten begangen hatte: gefährliche Körperverletzung sowie Verstöße gegen das Gewaltschutz- und Waffengesetz. Wie berichtet, war es einem 24-jährigen Lokalmitarbeiter zu verdanken, dass der Frau nichts Schlimmes passiert ist: Er stellte sich vor das Opfer. Allerdings wurde er daraufhin zum Ziel des Angreifers und erlitt mehrere leichte Stichwunden.

Dass sich Männer an die gerichtlich auferlegten Schutzanordnungen nicht halten, sei "leider häufig der Fall", sagt eine Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle "Sozialdienst katholischer Frauen". Frauen, die von ihren Männern oder ehemaligen Partnern bedroht werden, können beim Amts- oder Familiengericht ein Annäherungsverbot beantragen. Eine solche Verfügung sieht das Gewaltschutzgesetz vor. "Je nach Richter wird dann festgelegt, dass sich der Mann auf 50 bis 100 Meter nicht nähern darf", erklärt die Beraterin. Aber auch andere Dinge, zum Beispiel das Verbot per Telefon, SMS oder E-Mail Kontakt aufzunehmen, werden so geregelt. Allerdings: "Extrem gewaltbereite Männer interessiert ein solches Verbot überhaupt nicht", ist die Erfahrung der Beraterin. Die Frauen seien dann in größter Gefahr.

Flucht oft die einzige Möglichkeit

So, wie Ghazala A., 37 Jahre. Die Pakistanerin wurde am 4. Juni Opfer eines Mordanschlages ihres Ehemannes. Mohammed A. (57) raste an jenem Abend mit seinem Pkw in der Neuen Schönhauser Straße in Mitte gezielt auf die von ihm getrennt lebende Ehefrau zu und überrollte sie. Anschließend flüchtete er und konnte bisher nicht gefasst werden. Ghazala A. überlebte mit schweren Verletzungen und wurde in eine Klinik gebracht. Vor ihrer Krankenzimmertür wachten nach der Tat stets zwei Polizisten, um sie vor dem Mann zu schützen.

Auch in diesem Fall hatte bereits vor Monaten ein Gericht ein Annäherungsverbot verordnet: Mohammed A. musste zu seiner Noch-Ehefrau, mit der er vier Kinder hat, mindestens 50 Meter Abstand halten, durfte sie nicht verfolgen, ansprechen oder anrufen. Ansonsten drohten ihm 5000 Euro Strafe. Doch wenige Tage vor der Tat soll er Ghazala A. sogar gedroht haben, dass er sie umbringen werde.

Derzeit befindet sich Ghazala M. noch immer im Krankenhaus. Zu Einzelheiten darüber, ob ihr Polizeischutz gewehrt wird, wollte sich die Polizei gestern nicht äußern. "Wir tun alles, was nötig und geboten ist", sagte ein Sprecher.

"Bei solch gewaltbereiten Männern bleibt für die Frauen oft nur die Möglichkeit, ins Frauenhaus zu flüchten und später in eine andere Stadt zu ziehen", sagt die Beraterin vom Sozialdienst katholischer Frauen. Die sicherste Methode sei es, einen solchen "Schutzraum" zu suchen. Denn trotz mündlicher Bedrohungen könne die Polizei die Opfer nicht schützen. "Die Frauen können nach einer Drohung Anzeige erstatten, aber deshalb bekommen sie noch keinen Polizeischutz", sagt die Beraterin. Sie kritisiert zudem, dass in vielen Fällen zu viel Zeit vergehe, bis die Männer für ihre Nachstellungen bestraft werden. "Die Opfer müssen jedes Mal wieder zur Polizei gehen, Anzeige erstatten und dann mit der Vorgangsnummer zum Gericht, um den Fall vorzubringen", hieß es. Ein langer Prozess, oft zu lang, um die Opfer vor weiterer Gewalt zu bewahren.

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