Berlin : Neukölln: Im Haus der Würde

Tanja Buntrock

Christel Tefelski, 64, weiß, dass sie bald sterben wird. Sie hat Krebs. Vor wenigen Monaten noch war sie "am Ende mit den Kräften", doch dann zog sie im August in eines der 15 Einzelzimmer ins Neuköllner Ricam-Hospiz. "Die Leute hier haben mich wieder richtig aufgebaut", sagt sie, "trotz der unheilbaren Krankheit geht es mir besser." Die Ehefrau des Bundespräsidenten, Christina Rau, setzt sich eine Weile zu ihr ans Bett und hört zu. Als Schirmherrin der 1.Hospiz-Gala, die am 13. Oktober im Hotel Maritim pro Arte mit vielen Prominenten stattfinden wird, machte sie gestern einen Rundgang durch die Station.

Sterben in Würde ist das Ziel der Hospizbewegung. "Viele kranke Menschen sterben einsam, unter schlechter Pflege oder auf einer Krankenhausstation", sagt Dirk Mülller von der Zentralen Anlaufstelle Hospiz (ZAH). Doch die meisten würden am liebsten zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung sterben. Um diesem Wunsch gerecht zu werden, gibt es in Berlin 15 ambulante Hospizdienste. Diese vermitteln Ärzte, die Tag und Nacht zum Todkranken nach Hause kommen, sowie ehrenamtliche Sterbebegleiter, die vor allem die Angehörigen entlasten, Unterstützung und Beistand leisten. "Wenn die häusliche Pflege nicht sichergestellt werden kann, weil beispielsweise keine Angehörigen da sind oder diese nicht mehr belastbar sind, kann der Sterbende auch in eines der beiden Hospize eingewiesen werden", sagt Müller. Hier werden sie professionell betreut, sind aber nicht der oftmals anonymen Krankenhaus-Atmosphäre ausgeliefert.

In Christel Tefelskis Einzelzimmer stehen die Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder auf den hellen Holzmöbeln. Durch die große Fensterfront mit anschließender Dachterrasse fluten die Strahlen der Herbstsonne. "Hier kann ich essen, wann ich will, und immer ist jemand da zum Reden", sagt sie. Sie hat den Rat, die letzten Lebenstage im Hospiz zu verbringen, von ihrer Hausärztin bekommen. 43 Mark pro Tag Eigenanteil zahlt sie. Hätte sie das Geld nicht, würde das Sozialamt helfen. Die Hospize müssen zehn Prozent des Budgets selbst aufbringen. Das sind im Ricam-Haus rund 250 000 Mark im Jahr. Dieses Geld kommt über Sponsoren, Fördervereine, aber auch durch Spenden herein. Die Gala soll dazu beitragen, den Hospiz-Gedanken in die Öffentlichkeit zu tragen.

Christel Tefelski ist froh, sofort einen Platz bekommen zu haben. Denn die Wartelisten sind sehr lang - oftmals zu lang für die Todkranken.

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