Berlin : Neukölln – schön wie Prag, jung wie Prenzlauer Berg

Bürgermeister Buschkowsky will seinen Bezirk radikal umkrempeln und lebenswerter machen Die Vision 2010: Ein grüner, ruhiger Hermannplatz und ein Kindl-Areal, so lebendig wie die Kulturbrauerei

André Görke

Neuköllns Visionen passen auf exakt sechs DIN-A4-Zettel. „Modern denken und mutig handeln“, so lautet der Leitspruch der rot-grün-roten Zählgemeinschaft in der neu gewählten Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Sie hat einen 50-Punkte-Plan erstellt, um das Image des Bezirks zu verändern und ihn voranzubringen.

„Neukölln entwickelt das historische Stadtzentrum (…) durch eine radikale stadtplanerische Neukonzeption“, heißt es in dem Papier. Und das Wort „radikal“ passt in der Tat ganz gut.

Die Visionen sehen so aus: Der Hermannplatz wird begrünt, die Straße vor Karstadt für den Autoverkehr geschlossen. Die Karl-Marx-Straße wird zu einem „vitalen Stadtzentrum“ und in Teilen für den Verkehr geschlossen. Der Flughafen Tempelhof wird nach der Schließung zur „Frischluftschneise“ mit „familienfreundlichen, bezahlbaren und nach ökologischen Kriterien gebauten Stadthäusern“ am Rand. Das Böhmische Dorf werde ebenfalls für den Autoverkehr geschlossen. Und die Tram soll wieder vom Osten (via Görlitzer Park) zum Hermannplatz rollen. Seit den Neunzigern liegen die Gleise längst auf der Oberbaumbrücke.

„Wir müssen aufhören, verlorenen Industrie-Arbeitsplätzen nachzuweinen“, sagt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Neukölln könne sich mit seinem riesigen, brach liegenden Kindl- Areal ein Beispiel an der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg nehmen – wie der gesamte Bezirk: „Neukölln muss 2010 genauso sein: bunt, schnell, schillernd und lebendig“, sagt Buschkowsky und zieht weitere Parallelen zu Prenzlauer Berg Mitte der Neunziger: „Unser Bezirk wird immer jünger: Die Mieten sind gering, die Wege in die Innenstadt kurz.“ Das Problem sei jedoch, dass „die jungen Leute in Neukölln wohnten, aber nicht hier leben. Das Geld geben sie in Mitte und Prenzlauer Berg aus.“ Büros oder Einkaufszentrum seien auf dem Kindl-Areal ausgeschlossen, vielmehr wolle man dort ein interkulturelles Veranstaltungszentrum entwickeln, „die Vielfalt und die Leute dafür hat der Bezirk“, sagt Buschkowsky.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung reagiert erfreut auf so viel Visionen. „Es ist schön, wenn Bezirke neue Ideen entwickeln“, sagte eine Senatssprecherin. Allerdings sehe man zumindest die Stilllegungen von Straßen „kritischer“. Und für den Weiterbau der U 7 zum Flughafen, wie in dem Papier erwähnt, gebe es wenig finanziellen Spielraum. Der Großflughafen BBI sei eine große Chance, sagt Buschkowsky: „Wir sind das Tor zu Berlin für 20 Millionen Touristen. Warum sollten wir es hinnehmen, dass die einfach an uns vorbeifahren?“

Visionen sind das eine, reale bürokratische Hürden das andere. Die Karl- Marx-Straße ist Bundesstraße, und die Stilllegung muss der Bund bestimmen. Das dauere Jahre, sagte die Senatssprecherin. Buschkowsky hält dagegen: „Die Bundesstraße ist ein Relikt aus Mauerzeiten – und bekanntlich haben wir die Mauer nicht mehr, stattdessen aber bald eine Autobahn in den Südosten der Stadt“.

Erst einmal rücke städtebaulich der Hermannplatz in den Vordergrund. Der sei „wunderschön und traditionsreich“, sagt Buschkowsky. „Er hat aber null Aufenthaltsqualität“. Viel besser machten es da Prag und Wien. Auch nicht gerade die bescheidensten Vorbilder.

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