Neukölln : Schulschwänzer kommen ins Internat

Nicht selten werden jahrelange Schulschwänzer zu Intensivtätern. Neukölln will mit einem bundesweit einmaligen Lern- und Wohnprojekt Problemschüler vor dem Absturz bewahren.

Susanne Vieth-Entus

Mit einer bundesweit einmaligen Jugendeinrichtung will Berlin sich ganz gezielt um notorische Schulschwänzer kümmern. Geplant ist ein kombiniertes Schul- und Wohnprojekt, in dem Jugendliche, die abzurutschen drohen, intensiv betreut werden sollen. Entstehen soll das Internat in Neukölln-Buckow in Trägerschaft des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF) Lazarus. Die Eröffnung ist für den Herbst geplant.

Das Projekt wendet sich zwar auch an deutsche Heranwachsende, hat aber einen „interkulturellen Schwerpunkt“, wie es EJF-Sprecherin Julie von Stülpnagel ausdrückt. Besonders kümmern will man sich um die arabisch-stämmigen Jugendlichen, die in Neukölln einen erheblichen Teil der Problemschüler ausmachen. Das Lazarus-Werk stützt sich bei seinem Projekt auf die gute Zusammenarbeit mit mehreren arabischen Vereinen, mit denen es schon im Rahmen des soeben eröffneten Deutsch-arabischen Zentrums in Neukölln kooperiert.

Das Konzept zu dem ungewöhnlichen Schwänzer-Wohn-Projekt stammt vom Lazarus-Werk und wurde vom Bezirk Neukölln dankbar aufgegriffen. Hintergrund für die regionale Anbindung ist die große Zahl von Problemschülern in Neukölln. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) nennt das Vorhaben einen „Versuch, an die jungen Menschen heranzukommen, die abzugleiten drohen“. „Es soll da helfen, wo es brennt“, heißt es beim Lazarus-Werk.

Bisher gibt es kaum eine Handhabe für Jugendliche, denen mit den gängigen Mitteln nicht beizukommen ist. Die Schulen wissen sich oftmals keinen anderen Rat, als die Schüler an andere Schulen abzugeben. Diese so genannten Wanderpokale enden nach jahrelanger Schwänzerkarriere nicht selten als Intensivtäter.

Das Internat soll kein geschlossenes Heim sein. Die Unterbringung ist freiwillig. Am Wochenende sollen die Heranwachsenden deshalb auch die Möglichkeit haben, bei ihren Familien zu sein.

In der SPD gibt es eine breite Unterstützung für das Projekt. „Es ist eine gute Idee, Jugendhilfe und Schule so zu verzahnen“, betont Bildungspolitiker Karl-Heinz Nolte. Auch Fritz Felgentreu, Vize-Fraktionschef der SPD im Abgeordnetenhaus, begrüßt das Internat als einen wichtigen Baustein in einem großen Gesamtpaket gegen die Schuldistanz.

Langjährige Schulschwänzerei führt nicht nur häufig in die Kriminalität, sondern gilt auch als Hauptursache für den Schulabbruch. Aus diesem Grunde hat die Neuköllner SPD am Wochenende eine mehrseitige Erklärung mit dem Titel „Schule und Schulpflicht – Grundstein der gesellschaftlichen Integration“ verabschiedet. Es bezieht sich unter anderem auf die Bedeutung der Arbeit mit Eltern, aber eben auch auf die konsequente Ahndung von Schwänzerei – bis hin zur Kürzung des Kindergeldes.

„Um Bußgelder zu verhängen oder Kindergeld zu kürzen, wären Gesetzesänderungen auf Bundesebene notwendig“, erläuterte gestern Sascha Steuer von der CDU. Er kritisierte, dass die SPD bisher aber noch keinen Vorstoß in dieser Richtung unternommen habe.

Mieke Senftleben (FDP) begrüßte gestern insbesondere die Einrichtung eines Internats für Schulschwänzer, da „offensichtlich niedrigschwelligere Maßnahmen gegen das Schulschwänzen keinen nennenswerten Erfolg haben“. Das Lazarus-Werk mache „auszeichnete Arbeit“.

Wie berichtet, eröffnet EFJ-Lazarus nach den Ferien auch eine Schul-WohnEinrichtung in Reinickendorf. Sie wendet sich allerdings an Grundschulkinder, die von ihren Familien nicht ausreichend betreut werden.

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