Neuköllner Kandidaten : Zwischen Hartz IV und Grünpflege

Zwischen Gropiusstadt und Karl-Marx-Straße liegen Welten. Doch im bunten Bezirk geht es traditionell zu. Neukölln ist Volksparteiengebiet. CDU und SPD machen es unter sich aus.

Werner van Bebber
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Schön hier. Am Rathaus Neukölln kann man sich auch entspannen. Dass der Bezirk große soziale Probleme zu bewältigen hat, fällt...

Wahlkampf? Noch ist es nur ein Wahlkämpfchen, was sich derzeit in Neukölln abspielt. Da stehen die Kandidaten auf Straßen und Plätzen, verteilen Flugblätter mit ihren Gesichtern darauf, doch kaum einer will mit ihnen reden oder gar streiten. Freundliches Desinteresse – so kann man das nennen. Es trifft die blonde CDU-Kandidatin Stefanie Vogelsang genauso wie den stets freundlich lächelnden SPD-Mann Fritz Felgentreu mit der Zwei-Millimeter-Kurzhaarfrisur.

Die beiden sind die Favoriten im Duell um den Wahlkreis. Neukölln, die Großstadt mit den vielen kleinen Leuten mitten in Berlin, ist (noch) Volksparteiengebiet. 2005 hat der bekannte Sozialdemokrat Ditmar Staffelt den Wahlkreis gewonnen. Im Sommer 2009 sieht das Wahlforschungsinstitut election.de Vogelsang vorn, allerdings mit nur 2,7 Prozentpunkten Vorsprung.

Würde Vogelsang den Wahlkreis gewinnen, wäre das sozusagen Neuköllner Tradition. CDU-Politiker wie Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen hatten hier ihre politische Heimat, auch Friedbert Pflüger. Doch derzeit ist die CDU Neukölln mit mehr oder weniger großer Außenwirkung dabei, sich in zwei Teile zu zerlegen – und deshalb kann Vogelsang die spätsommerliche Schläfrigkeit des Wahlkampfes nur recht sein: Gut, wenn in Neukölln nicht groß über angebliche Finanz- Schlampereien im Kreisverband unter Vogelsangs Herrschaft geredet wird. Dann ist und bleibt sie für CDU-Sympathisanten und die große Zahl der Unentschiedenen die gut informierte Kommunalpolitikerin, die sich nun im Bundestag als „Anwältin der Großstädter“ betätigen will.

So jedenfalls macht sie Wahlkampf: möglichst nah bei den Leuten. Nicht zuletzt wegen der Fehde im Kreisverband organisieren Vogelsang und ihre Unterstützer den Wahlkampf im eigens gemieteten Büro in den Gropiuspassagen. Wer viele Neuköllner treffen will, muss die Kunden der Einkaufscenter genauso bearbeiten wie die Passanten vor dem Neuköllner Rathaus. Sonnabendvormittags ist das Konsumklima in den Passagen sommerlich heiter, Vogelsang wird ihr Material leicht los. Eine alte Frau mit Rollator bedient sich bei den Ansteckern, immer mal wieder outen sich CDU-Wähler. „Ick drück die Daumen“, sagt ein Mann. Ein anderer Rentner mit kurzem Vollbart spricht Vogelsang auf ein Grünpflegeproblem in der Siedlung gegenüber den Gropiuspassagen an. „Da kümmer ich mich drum“, sagt Vogelsang, sie ist schließlich in der Neuköllner Politik bestens vernetzt.

Konkurrent Felgentreu von der SPD kennt die Neuköllner Stadtpolitik kaum schlechter. Doch der studierte Philologe, der im Abgeordnetenhaus Innen- und Rechtspolitik macht, scheint ein Stückchen über der Kommunalpolitik zu schweben. Wie Vogelsang kennt er die vielen Fronten, an denen in Neukölln Politik gemacht werden muss: Bildung, Integration, Arbeit, Wirtschaft, Familien sowie deren sozialer und individueller Zer- und Verfall. Doch während Vogelsang die „Kümmerin“ und Kommunal-Fachfrau herauskehren kann, muss Felgentreu den Anwalt einer SPD-Politik geben, die viele Neuköllner nicht verstehen können oder wollen. Hartz IV: Das nehmen die Leute der SPD noch immer übel, auch Plattitüden wie „Arbeiterverräter“ bekommt der freundliche Sozialdemokrat zu hören. Felgentreu geht keinem Streit aus dem Weg. Hartz IV, weniger Geld, wenig Förderung durch die Jobagenturen – der SPD-Mann wird ständig verantwortlich gemacht. „Dank Schröder und Konsorten bin ich pleite“, schimpft ein Mann mit Hawaii-Hemd. Felgentreu hält dagegen, verbiegen will er sich nicht: „Die Reform war notwendig.“

Beim Flyer-Verteilen am U-Bahnhof Britz-Süd will ein Mann in Jogginghose mit Felgentreu sprechen. Er sagt, er stehe „unter Betreuung“ und werde seiner Menschenwürde beraubt. Seine Begleiterin trägt über der linken Schulter fünf alte Fahrradschläuche. Auch sie will mit Felgentreu über den Umgang der Ämter mit ihr und ihrem Begleiter sprechen. Felgentreu lädt sie in seine Sprechstunde ein. „Bringen Sie die Unterlagen mit“, sagt er. Der Bus kommt, die beiden steigen ein. Felgentreu hebt einen Flyer mit seinem Gesicht darauf vom Boden auf.

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