• Neun Stimmen für einen Sieger: Tiago de Oliveira Pinto wird entscheiden - über die schönste, bunteste, lustigste Gruppe

Berlin : Neun Stimmen für einen Sieger: Tiago de Oliveira Pinto wird entscheiden - über die schönste, bunteste, lustigste Gruppe

Tobias Arbinger

Neun Stunden in der Sonne sitzen und 4000 Menschen an sich vorbeiziehen lassen - das ist das Sonntagsprogramm von Tiago de Oliveira Pinto. Schon vergangenes Jahr war das "ein harter Job", sagt er, genau hinsehen und sich immer wieder einen Rat holen. Wie war die Performance der afrikanischen Tanzgruppe? Hat die Choreografie der Brasilianer gestimmt? Wie aufwendig waren die Kostüme der karibischen Kombo? Was andere aus Spaß tun, ist für Tiago de Oliveira Pinto Arbeit. Er ist Vorsitzender der neunköpfigen Jury aus Künstlern, Medienleuten und Spezialisten für Tanz und Kostüm, die am kommenden Sonntag den schönsten Wagen des Karnevals der Kulturen küren soll. Aber wie lassen sich ein indonesisches Gamelanorchester, eine chinesische Trachtengruppe und eine Sambatruppe vergleichen?

Sechs Kriterien sind bei dem Karnevalskorso, der am Pfingstsonntag ab 13 Uhr über Urbanstraße, Hasenheide, Gneisenau- und Yorckstraße zieht, entscheidend. Choreografien, die Performance von Einzeldarstellern, Kostüme, Musik und der fantasievollste Wagen würden unter anderem bewertet, sagt de Oliveira Pinto, von Beruf Leiter des Brasilianischen Kulturinstituts in Berlin. Da nicht alle am Wettbewerb teilnehmenden Gruppen Tänzer, Livemusik, Wagen und Performances aufbieten können, kommen jeweils die fünf besten Attribute in die Wertung, erklärt er. Sambatänzer hätten keine besseren Chancen als andere. Auf die Originalität komme es an, 1999 sei beispielsweise eine Gruppe besonders aufgefallen, die als erdbeschmierte Steinzeitmenschen auftrat.

Zweck der Jury, in der unter anderem Irene Moessinger vom Tempodrom und Borkowsky Akbar vom Weltmusikverlag Piranha sitzen, sei nicht, "mit dem Finger auf Gruppen zu zeigen und zu sagen, die sind gut und die sind schlecht", sagt De Oliveira Pinto. Für viele sei der Wettbewerb Ansporn, sich weiter zu verbessern. Das habe 1999 schon Erfolg gehabt: "Die Wagen sind professioneller und aufwendiger geworden". Die vier Gewinner werden am Montag um 14 Uhr auf dem Straßenfest des Karnevals auf dem Blücherplatz bekanntgegeben.

Der aus Sao Paulo stammende De Oliveira Pinto ist das Karnevalsgeschehen bestens vertraut. Sein Vater baute bereits Karnevalswagen. Als Musikwissenschaftler hat er die verschiedenen Ausprägungen des von Lateinamerika aus Europa importierten Festes in Brasilien untersucht und darüber geschrieben. Bei etlichen brasilianischen Karnevalsumzügen war er Jurymitglied und bei der 500-Jahr-Feier des Landes im Frühjahr zu Gast beim Karneval in Rio de Janeiro.

Der Karneval in Rio gilt als größtes Volksspektakel der Welt. Die Sambaschulen bereiten sich das ganze Jahr darauf vor, ihre Wagen bei der viertägigen Schau nach streng geregelten Vorschriften über ein speziell dafür gebautes Festgelände, das Sambodromo, zu fahren. Auf dessen Tribünen haben 100 000 Zuschauer Platz. Die Sambaschulen haben auch soziale Funktionen, bieten beispielsweise eine kostenlose Gesundheitsversorgung.

Der Berliner Karneval der Kulturen, in diesem Jahr der fünfte, gleiche in seiner Vielfalt eher dem in der nordostbrasilianischen Stadt Recife, sagt De Oliveira Pinto. In Rio herrsche der uniformere Stil der Sambaschulen vor, im Nordosten träten die afrikanischen, indianischen und europäischen Strömungen des Karnevals stärker hervor. Dort biete er den Ethnien, die die Brasilianer ausmachen, die Chance, "ihre Kultur darzustellen, sich zu präsentieren und auf ihre Geschichte hinzuweisen". So auch in Berlin. Glücklicherweise gebe es hier kein Schema. Traditionelle Volksmusiker, Sambagruppen und Wagen, auf denen die neuesten Drum-and-Bass-Sounds gespielt werden, sind Teile desselben Umzugs.Mehr Informationen zum Karneval der Kulturen unter www.zitty.de

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