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Neunziger-Revival : Hey, das sind meine Klamotten!

Leierpullis, Popperfrisuren, Doc Martens – die neunziger Jahre sind wieder da. Aber waren die nicht gerade erst vorbei? Wer sie selbst kaum hinter sich hat, kommt sich plötzlich irre alt vor. Liebe Hipster-Kids, muss das sein?

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Hat das wirklich jemand vermisst? Die Love Parade in den Neunzigern.
Hat das wirklich jemand vermisst? Die Love Parade in den Neunzigern.Foto: Marcel Mettelsiefen / pa-dpa

Als ich den ersten bauchfreien Oversized-Pulli sah, glaubte ich noch an einen Zufall. Seine junge Trägerin hielt ich für eine verpeilte Abiturientin, die im Kleiderschrank der großen Schwester gewühlt hat. Kann vorkommen. Schnell vergaß ich den Pulli wieder, weshalb ich ihn auch nicht mit den Doc-Martens-Stiefeln in Verbindung brachte, die mir plötzlich gehäuft über den Weg liefen. Ihre Rückkehr hielt ich anfangs nicht für ein modisches, sondern ein politisches Statement – sieh an, dachte ich, die junge Linke trägt wieder Docs. Was sich da wirklich anbahnte, begriff ich erst, als der junge Kollege F. eines Tages mit Popperschnitt in der Redaktion auftauchte. Ich hatte das Gefühl, in einen Zeitenspiegel zu schauen – die gleiche Frisur hatte ich mit 16 getragen. Um Gottes willen, schoss es mir durch den Kopf: Die Neunziger sind zurück? Im Ernst?

Danach ging es Schlag auf Schlag: Leiertops mit Leierbündchen, Flanellhemden mit Holzfällerkaro, Plateauschuhe mit Brikett-Absätzen. Schaudernd begriff ich, dass die Retrowelle auf ihrem zyklischen Weg durch die Zeiten wieder den Punkt erreicht hatte, an dem ich selbst einst in den Modekreislauf eingestiegen war. Mir wurde schwindlig.

Klar, alles nichts Neues. Kulturgeschichtlich begann der ewige Retro-Reigen mit der Renaissance, die eine aufgewärmte Antike war. Bloß lag zwischen Original und Kopie damals noch ein gutes Jahrtausend! Die glücklichen Griechen und Römer waren tot und verfault, als man ihren Style wiederbelebte, sie mussten das Elend nicht mitansehen.

Ich dagegen lebe, und es kommt mir vor, als seien die Neunziger gerade erst vorbei. Liebe Hipster-Kids, begreift ihr eigentlich, was ihr da tut? Ich kann euch nicht ansehen, ohne mich alt zu fühlen. Ihr tragt die Kleider auf, die ich gestern erst abgelegt habe. Eure Neunziger-Renaissance macht mich zu einem Relikt der Neunziger-Antike. Ich fühle mich wie ein untoter Grieche, wie ein aus der Zeit gefallener Retro-Zombie, der gezwungen ist, durch die Kulissen seiner eigenen Jugend zu irren.

Wie haben sich wohl meine Eltern gefühlt, als ich Schlaghosen trug?

Geschichte, schrieb Marx im Rückgriff auf Hegel, ereignet sich immer zweimal – beim ersten Mal als Tragödie, beim zweiten Mal als Farce. Zugegeben, Marx hatte den historischen Weltgeist im Sinn, nicht den modischen Zeitgeist – aber für den gilt sein Diktum nicht minder. Der Beweis? Marx’ Rauschebart! Das Original war wild, ehrfurchtgebietend, links, monumental. Heute kopieren ihn kichernde Hedonisten.

Plötzlich wird mir nun auch klar, wie sich in den Neunzigern meine armen Eltern gefühlt haben müssen, als ich meiner Grunge-Garderobe die ersten Schlaghosen beimischte. Das Siebziger-Revival der Neunziger dürfte ihnen damals genau so tragikomisch vorgekommen sein wie mir heute die Rückkehr des Nirvana-Looks. Jede Generation hat ihr Kreuz zu tragen.

Mag immer noch Strickpullis mit zu langen Ärmeln: Jens Mühling.
Mag immer noch Strickpullis mit zu langen Ärmeln: Jens Mühling.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Meinetwegen legt also los, ihr jungen Nineties-Ironiker. Grabt die Radlerhosen aus, die Bodys, die Rollkragenpullis, schmeißt Rave und Grunge durcheinander, recycelt die Siebziger gleich noch einmal mit – ich werd’s schon aushalten.

Eine Sache gibt mir trotzdem zu denken. Zwischen den Fünfzigern und ihrer stilistischen Wiederkehr in den Achtzigern lagen drei Jahrzehnte, zwischen den Siebzigern und dem Hippie-Revival der Neunziger etwa zweieinhalb, zwischen den Neunzigern und der Jetztzeit nur noch zwei. Die Abstände zwischen den Retrowellen schrumpfen. Wenn das so weitergeht, werden die Klamotten meiner Schulzeit in Kürze erneut an mir vorbeiziehen. Wer weiß, vielleicht werde ich sie vor meinem Tod ein drittes, gar ein viertes Mal zu sehen bekommen. Die 2020er werden die neuen 2000er sein, die späten 2020er dann die neuen 2010er. Immer enger wird sich die Retrospirale winden, bis die Moden irgendwann im Jahresrhythmus wiederkehren, bis der Herbst der neue Sommer ist und der Januar der neue Dezember – und erst wenn der letzte Stil wiederaufgewärmt, der letzte Trend recycelt, die letzte Tragödie als Farce zurückgekehrt ist, werden wir merken, dass Zitate nicht wärmen.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Sonnabendbeilage Mehr Berlin.

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