Berlin : Neurosen und Noten

Das Spiegelbild nervt, Brasilien und der Opa auch – „Stereo Total“-Sängerin Françoise Cactus hat ein neues Buch geschrieben. Heute liest sie in der Volksbühne

Ariane Bemmer

Sie alle haben auf dem speziellen Papier angefangen, das es nur in französischen Schreibheften gibt. Die Seiten sind kariert, aber die Karos sind groß und noch mal in fünf Linien unterteilt. Die vielen Linien sind da, damit die Kinder Groß- und Kleinschreibung lernen. In diesen Heften, sie sind dicker als die hierzulande, haben die Geschichten von Françoise Cactus angefangen, als vage Idee oder lose Beobachtung, alles ungeordnete Eintragungen auf geordnetem Grund.

Das Heft erzählte davon, dass die Mama in Burgund und ihre vielen alten Freundinnen heute viel lustiger sind als damals, als ihre Männer noch lebten. Dass Aberglaube einen furchtbar in die Enge treiben kann oder was wohl die Leute in den Klatschzeitungen von den Berichten über sich selbst halten. Dann wurden die Ideen sortiert, Sätze geformt, die Geschichten wuchsen, fanden einen Verleger, und nun liegt er vor, der Erzählband „Neurosen zum Valentinstag“. Es ist das inzwischen vierte Buch der Berliner Französin, die einem größeren Kreis bekannt wurde, als sie mit „Stereo Total“, ihrer Zweimannband, „Uhhhuh, isch liebä Liebä su dritt“ sang.

Zwölf Geschichten sind es geworden. Aus der Beobachtung über ihre Mutter wurde eine Story über eine gar nicht so traurige Witwe, der eigene Hang zum Aberglauben findet sich in einem Hausmädchen mit höchst extravaganten Vorlieben wieder und so weiter. „Ich beobachte Sachen, die meinen Freundinnen passieren oder mir selbst und dann übertreibe ich das alles“, sagt Françoise Cactus, die man per Telefon im Auto erreicht hat. Die 40-Jährige ist gerade auf Lesetour, Stuttgart, Schweiz, am heutigen Montag ist dann Berlin an der Reihe. Die Lesung wird sogar in Gebärdensprache übersetzt.

Ein bisschen verrückt sind die Geschichten, die Françoise Cactus erzählt, und passen so gut zu den Eckdaten ihres Lebens, die selbst wie eine ihrer übertriebenen Geschichten klingen: Als Zwölfjährige gewinnt Françoise Van Hove, so lautet ihr richtiger Name, in einem Dorf im französischen Burgund einen Vorlesewettbewerb und einen Kugelschreiber und schreibt nun ihren ersten Roman „Photo Souvenir“. Sie wechselt auf ein Internat, studiert später Kunstgeschichte, erhält ein Stipendium für Husum, wo sie sich in einen Norweger verliebt, für den sie 1985 nach Berlin zieht. Seitdem ist Berlin ihre Stadt. Sie wohnt in Kreuzberg, nach der Wende hat sie auch mal zwischendurch Mitte ausprobiert.

1996 äußert sie die Befürchtung, Berlin werde durch den Regierungsumzug fürchterlich werden. Aber: „Es hat sich gar nichts geändert. Man merkt es nicht“, sagt sie heute. Damals sitzt sie im „Risiko“, einer Kreuzberger Kneipe, lässt sich da Drinks von Blixa Bargeld servieren, gründet eine Band, die „Lolitas“, trommelt auf dem Schlagzeug, schreibt weitere Geschichten, Teenager-Geschichten, verliebt sich neu, diesmal in den Musiker Brezel Göring, beide gründen ihre Band „Stereo Total“, elektronische Musik und französischer Dialekt, das kommt an. Besonders in Skandinavien. Auch die Bücher von Françoise Cactus kommen im Norden gut an. Die einzige Sprache, in die ihre Texte übersetzt würden, sei Dänisch, sagt sie. Sie findet es ein bisschen schade, dass ihre Sachen nicht auf Französisch erscheinen, und fügt gleich hinzu, dass sie keine Lust hätte, sich selbst zu übersetzen: „Es war schon schwierig genug, die Texte auf Deutsch zu schreiben.“

Auch die Lesetermine strengen sie an: „Ich muss mich die ganze Zeit konzentrieren, sonst verplappre ich mich“, sagt sie, und dass sie das nicht ausstehen könne. Anders bei einem Konzert: Die Lieder könne sie längst alle auswendig, und wenn sie da mal ein Wort vergesse, sei das auch nicht so schlimm. Das Publikum singt da drüber hinweg. Vielleicht enden ihre Lesungen deshalb alle mit Musik.

Françoise Cactus, Lesung und Musik, am heutigen Montag, 5. April, um 21 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Großes Haus). Die Karten kosten zehn Euro, ermäßigt 6 Euro. Kassentelefon 247 67 72.

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